Letztens habe ich auf Facebook eine kurze Diskussion darüber gehabt, ob sich Menschen aller materiellen Dinge entledigen sollten, um so wirkliche Freiheit zu erfahren. Es ging um ein Zitat, keine Ahnung, wer das verbrochen hat:
Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit alles zu tun.
Ich habe die Position vertreten, dass gerade bei der Handlungsfreiheit dieses Zitat einfach nur falsch ist. Denn erst durch Mittel, die wir benutzen, sind wir rein körperlich in der Lage, Sachen zu tun, die wir so nie tun hätten können. Als Beispiel: Ohne Computer könnte ich nicht bloggen.
Ausgehend von diesem Gedanken habe ich mir überlegt, wie das auf Erfahrungsfreiheit sich auswirkt. Wahrscheinlich ähnlich: mit bestimmten technischen Hilfsmitteln können wir erst Erfahrungen machen, die uns ohne diese Mittel nie möglich gewesen wären. Auch hier ein Beispiel: es gibt diese Timelapse-Videos, die den Himmel und die Natur filmen und das Filmmaterial dann in Zeitraffer zusammenfassen. Natürlich sollte es zu den Grunderfahrungen des Menschen gehören, seine Umwelt mit allen ihm möglichen Sinnen zu erfassen: das Rauschen der Blätter, der Geruch des Frühlings, das Gefühl durchs Wasser zu gleiten, Regen auf der Haut, heißer Wind um die Nase. Diese Erfahrungswelt sollte man nicht vergessen und nicht abtun. Was die ganzen Hippies und Technikgegner aber vergessen: nur durch Technik können wir darüber hinausgehende Erfahrungen wahrnehmen – zum Beispiel wissen wir durch Technik, wie die eine schöne Wolke, die wir mit bloßem Auge wahrnehmen, sich im Zeitraffer bewegt und im Kontext zu anderen Wolken wunderschöne Bewegungen und Strukturänderungen erfährt. Insofern sollte man also vorsichtig sein mit puristischen Lebensansätzen: wenn wir uns freimachen von allen materiellen Dinge, dann bleiben uns Perspektiven und Entwicklungen verwehrt. Wirkliche Freiheit ist das nicht.
Neueröffnungen und Ladenwerbung laufen heutzutage auch viel auf Facebook ab. Da wird, gerade bei zielgruppenspezifischen Läden, die Kundenbasis angesprochen, “Fans” gesammelt und über die Fortschritte und Neuigkeiten im eigenen kleinen Paradies informiert. Und oft wird der Account auch für interessante Links und Artikel genutzt, auf die hingewiesen wird. Das macht die Sache menschlich, der Laden bekommt Profil und wird greifbar.
In manchen Fällen ist das aber ziemlicher Dreck, der da gepostet wird und die Betreiber outen, wer Vater ihrer Gedanken war. Im Falle von Veganz, einem neuen Laden für vegane Produkte in Berlin, wurde ein Link zu “Zeitgeist” gepostet. Das ist eine selbsternannte, inzwischen dreiteilige, Doku, die sich mit der Erklärung der Welt und dem Zusammenmixen von Verschwörungstheorien beschäftigt. Netz gegen Nazis schreibt dazu:
Das Zeitgeist-Movement ist auf einen Film namens “Zeitgeist” zurückzuführen. Neben Religionskritik findet sich Kapitalismuskritik, es werden Verbindungen zwischen dem Finanzsektor und der Rüstungsindustrie nachgezeichnet (also der militärisch-industrielle Komplex) und 9/11 wird ebenso in diesem Zusammenhang betrachtet. In diesem Film werden alle wichtigen Verschwörungsthemen behandelt und zu einem großen Konglomerat zusammengeworfen, dabei gibt sich der Film selbst den Anstrich eines Dokumentarfilms. Dabei transportiert der Film antisemitisches Gedankengut, ohne jedoch explizit die Juden als Quelle des Übels zu nennen. Chiffre für die Juden ist hier das internationale Finanzwesen. Der Jude als Sinnbild für das raffende, also böse, Kapital ist ein antisemitisches Klischee, das schon seit dem Mittelalter existiert und im Nationalsozialismus bedient und ausgeschlachtet wurde. Diese Analogie muss der Zuschauer allerdings selber herleiten, aber der Begriff vom “internationalen Finanzjudentum” ist vermutlich eines der am stärksten verbreiteten antisemitischen Klischees.
Natürlich habe ich die Betreiber sogleich darauf hingewiesen, was sie da eigentlich ins Netz pusten und wofür sie eine Plattform vor ihren über 1300 Fans bieten. Die Reaktion war, typisch, abwiegelnd und relativierend.
Mit diesem Link teilen wir ein aus unserer Sicht interessantes und aktuelles Thema, keine Weltanschauung oder politische Meinung. Genau wie bei der Entscheidung, sich vegan zu ernähren, sollte jeder für sich selbst entscheiden, wie er die hier aufgeworfenen Themen bewertet und für sein Handeln und Tun berücksichtigt.
So richtig kapieren tun sie es nicht, es geht hier nicht um eine persönliche Wertung, sondern darum, dass sie für antisemitischen Dreck eine Plattform bieten. Die Bewertung, die sie ausliefern, ist strukturell antisemitisch und sie ist politisch, da können sie noch sehr relativieren.
Damit hat sich der Plan, sich diesen Laden anzuschauen, erstmal erledigt. Bei solchen Aktionen, die im Namen des Ladens getätigt werden, würde mir aller Hunger und alles Interesse beim Betreten vergehen und wer weiß, wen ich dann mit dem dagelassenen Geld so alles unterstütze. Jeder Mensch mit politischem Bewusstsein sollte sich seine veganen Sachen woanders besorgen.
Montag, Semesterferien. Kann man ja feiern gehen. Auf Facebook kam eine Veranstaltungseinladung, auf der Spreeterrasse von der Maria sei OpenAir. Ein bisschen kühl ist es ja schon noch, aber nun gut, die Sonne scheint und man hat ja im Bedarfsfall dicke Pullis bei. In der Veranstaltungseinladung (vom Partyveranstalteraccount “Goldenes Zeitalter” gepostet) war von freiem Eintritt die Rede.
EINTRITT FREI! bis 20 Uhr
DJ Euro
danach nen 5er
Geburtstagskinder haben natürlich wieder freien Eintritt!
Und nun kommt man da an, die Melange aus Hipstern, Yuppie-Studenten und Schulkindern kennt man ja schon. Kann man drüber abkotzen, aber man lässt es lieber, weil sonst bekommt man ja nie mehr gute Laune. Wir also auf den Eingang zu, steht da Einlasspersonal und eine dicke Schlange. Nehmen die also doch Geld. Hatte keiner von uns Bock drauf, draußen hörte man keine Musik mehr, also haben wir uns musiklos zwischen die Horden gesetzt und ein bisschen gechillt. Aber angefressen hat mich das schon. Da steht ganz klar “Eintritt” frei. WTF? Dann will ich da auch einfach reingehen können. Und jetzt sagte mir auch noch eine Bekannte, dass um 18 Uhr schon 5€ gekostet hat. Wer weiß, vielleicht auch schon um 16 Uhr, als wir angekommen sind, wir haben ja gar nicht nachgefragt. Aber auf jeden Fall nix mit freier Eintritt bis 20 Uhr. Echt zum kotzen.
Und was dahintersteht? Hier wird mit dem “kostenlos-und-billig-Party-machen-Image” von Berlin gespielt und das echt schamlos bis zur Lüge ausgenutzt. Das Image stimmt ja eh kaum noch, aber das so zu bewerben ist doch echt dreist. Aus allem und alles Geld rauszuschlagen, einfach mit den Massen zu rechnen und hoffen, dass die trotzdem Geld abdrücken, auch wenn die sich auf eine kostenlose Party gefreut haben. Wer kein Geld hat und sich genau deswegen dahin aufn Weg gemacht hat, wird rausselektiert. Wenn das euer Frühlingserwachen ist, dann scheiß ich drauf, haut ab, zurück in den Winter.
Seit gestern habe ich offiziell Frühling und Sommer – in Zeiten des Klimawandels verwischen die Abgrenzungen ja eh – für begonnen erklärt. Ein wunderbarer Abend am Berliner Stadtrand mit Grill, Musik und … Brooklyn-Tonnen. Im deutschen etwas stilloser Feuertonnen genannt, sind sie der beste Freund der Outdoor-Partys.
Als kleines How-To: man nehme ein Barrel, also eine 60l-Tonne, die man nicht mehr verwenden will. Am besten eine, die schon ein paar rostige Stellen und Löcher vor allem am Boden hat. Dann stellt man die an den Platz, an dem sie den Abend verbringen soll, mit Umstellen ist ab einem bestimmten Zeitpunkt temperaturtechnisch einfach nix mehr zu machen. Dann muss unter die Ränder der Tonne was klemmen, zwei Ziegelsteine oder Holz oder sowas – das dient dazu, dass die Tonne von unten Luft ziehen kann und sich ein Feuer schneller entwickeln kann. Ansonsten sitzt man da 30min frustriert davor und bekommt nix an, ist uns gestern auch passiert.Dann auf jeden Fall nach unten Reisig, kleine Äste also und Sachen, die schnell abbrennen, dadrüber stapelt man die etwas dickeren Äste/Stöcke/Latten und so baut man sich ein kleines Zelt, das nach außen immer dickere Elemente hat. Dann einfach Pappe oder so nach unten schmeißen und den Reisig entzünden. Wenn alles mit Bedacht aufgebaut wurde und die Tonne Luft zieht, dann habt ihr innerhalb einiger Minuten ein prasselndes Feuer. Jetzt der Geheimtipp: oben drauf ein richtig dicken Brocken, vielleicht einen kleinen Baumstumpf, packen. Der wird nach und nach runterrutschen, bekommt aber viel Flammen ab und brennt dadurch super ab und hinterlässt ein Haufen glühender Kohle: die dadurch erstelle Wärmequelle reicht für Stunden! Und natürlich immer Sand und Wasser zum löschen bereitstellen.
An so einer Tonne kann man die ganze Nacht verbringen, quatschen und sich wohlfühlen. So wie gestern Abend, ich hab’s echt genossen und einen wunderbaren Abend gehabt. Nur einen riesigen Nachteil hat so eine Aktion: man stinkt ganz furchtbar am nächsten Morgen nach Rauch und hat eine kleine Schicht von Asche und Ruß auf dem Körper. Und wenn man dann in diesen Klamotten durch die halbe Stadt muss, dann ist das ein tierischer Walk Of Shame, aber ohne die üblichen Benefits. Damn.
[Foto von Scott Beale / Laughing Squid unter CC-Lizenz]
Heute wurde ich von einer Bekannten auf eine Seite hingewiesen, die zur Zeit die Runde an den Schulen macht: iShareGossip. Verlinkung erspare ich mir hier mal. Das Funktionsprinzip der Seite ist einfach:
Schreib hier deine Neuigkeiten, Gerüchte und Lästereien rein und wähle oben eine Kategorie aus indem du auf sie klickst.
Alles komplett anonym (es wird extra drauf hingewiesen, dass keine IPs gespeichert werden) und ohne Registrierung. Es gibt wohl Moderatoren, aber die sollen anscheinend nur darauf achten, dass keine politischen Aufrufe, themenfremde Sachen oder sowas reinkommt, sondern dass da wirklich nur Lästereien etc. drin stehen. Gerade für Schüler ist es schon, bestimmte Kategorien zu nutzen und somit den Gossip an seiner Schule im Blick zu haben.
Dabei ist die Qualität weit, weit unter dem Serienvorbild “Gossip Girl“, es herrscht ein sexistischer & homophober Schreibgeist vor, der und der wäre schwul, die und die ist geil. Typisches Schulkinder-blabla halt. Dabei wäre so eine Plattform gar nicht mal so uninteressant, wenn sie qualitativ hochwertigen Content liefern würde, richtige Geschichten, lokale ausgestaltete Gerüchte mit Hintergrundinformationen. Zwar wäre das immer noch problematisch, gerade, weil auch “hochwertig” gemobbt werden könnte. Aber in diesem Zustand verstehe ich den Reiz dieser Plattform noch weniger. Interessant ist aber die Reaktion die ich beobachtet habe: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Wenn man erstmal drauf steht, dann wird die Seite besucht, um einerseits, sich selbst zu monitoren, andererseits, um etwas Genugtuung in den Posts über andere Personen zu finden. So entwickelt sich eine nette Spirale, die recht schnell Leute reinzieht.
Seit Ende Januar ermittelt die Staatsanwaltschaft, laut Blog der Seite gab es aber eh einen Unternehmerwechsel und eine Verlagerung der technischen Infrastruktur ins Ausland. Ich glaube, ich brauche niemanden zu erzählen, was gerade im Schulumfeld so eine Seite für Auswirkungen haben kann – zumal sie sich in Windeseile etabliert zu haben scheint. Ich habe mich mal unter dem Tag meiner alten Schule umgeschaut und einige mir bekannte Namen gefunden. Die armen Leute haben dann hoffentlich keinen Arbeitgeber, der die Namen googlet.
Für Betroffene hat auch die Mobbingzentrale einen Arbeitskreis gegründet.
Das ist mal wieder so ein Tag, wo ich mir Sonne und Strand wünsche. Arabische Länder, Sonnenuntergang, 25-30°, das Meer vor mir und Shorts & T-Shirt an. Vielleicht sollte ich auch mal wie Sara um die Welt reisen, aber dazu habe ich im Grunde weder Zeit noch Geld. Vielleicht nach dem Studium. Oder nach dem zweiten Studium. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall kein bitterkaltes Berliner Grau, das nächste Woche in Dresden nicht viel besser aussieht. Winter ist toll. Aber nur für die ersten vier Wochen, wo sich der Hund am Schnee ergötzt und das komplette Feld umgräbt mit der Nase und man selbst mitten in der Nacht aus der Kneipe rennt und Schneeballschlachten im Friedrichshainer Nordkiez bestreitet. Und danach, danach wird’s trüb. Carlos, mein Hund, hat keine Lust mehr durch den Schnee zu wählen, weil er pappig ist und entweder vollgepisst oder von Silvesterkrams durchsetzt. Oder, wenn er schon weg ist, sind überall diese nervigen Steinchen, die ich in meinen umgeschlagenen Hosenbeinen in die Wohnung trage und das Laminat damit komplett zerstöre. Jedes Mal wird der Weg zu meiner Kneipe länger und weiter, und Fahrradfahren ist da nur noch eine größere Qual, weil’s einem dann ums Gesicht bläst.
Ich weiß, das ist jammern auf hohem Niveau. Aber ich will chillen, will Sonne, will Strand. Dann kann der Sommer ruhig noch einen Moment warten.
[Bild via Freudefoto | Jens Freudenau]
In der Jungle World ist gerade ein Artikel erschienen, der sich so richtig über die frechen Säcke auskotzt, die es wagen, keine Drogen zu nehmen. So Leute wie ich. Ich vermeide es seit meiner Pubertät Alkohol zu trinken oder Sachen, die auch im bürgerlichen Kontext unter den Drogenbegriff fallen, zu konsumieren. Keine Erfahrungen mit Gras, Koks oder Bier – dafür habe ich einen exzessiven Club Mate- und Afri-Cola-Konsum.
Wenn mich Leute danach fragen, warum ich das tue, sage ich meistens: ich hab kein Bedürfnis dazu. Es reizt mich nicht. Aber ich bin auch kein Dogmatiker: wenn ich irgendwann Lust darauf verspüren sollte, dann werde ich auch einen Drink trinken oder einen Joint rauchen. Warum auch nicht? Meine Begründung ist nicht dogmatisch, nicht politisch. Ich bin kein Straight-Edgler, für den “ein richtiger Mann” nur jemand ist, der kein Bier trinkt. Abgesehen von dem verqueren Sexismus kann jeder im Konsum tun und lassen was er will. Natürlich mach ich mir Sorgen um Freunde, die auf einmal abstürzen. Aber ob die nun von Drogengebrauch oder von psychischen Alltagsproblemen des Beziehungslebens abstürzen ist mir gleich.
Die Argumente, die Engelhardt in Abgrenzung zu bewusster Abstinenz bringt, sind schwach.
Die Basis einer solchen Entscheidung sollte aber schon die sein, dass man sich diesen Erfahrungen nicht von vorneherein verschlossen hat. Auf welcher Basis sollte eine solche Entscheidung sonst gefällt werden?
Ganz einfach: auf der Basis der Erfahrungen anderer. Ich kann mir durch Erlebnisberichte, durch Bücher und durch Filme eine ganze Palette unterschiedlicher Interpretationen von Drogenerfahrungen reinziehen. Das meine vielleicht ein Stück anders ausfällt, ist da irrelevant. Ein bestimmter Kernbereich bleibt gleich und dieser Kernbereich der geteilten Erfahrungen reizt mich nicht genug, um das Bedürfnis zu verspüren selbst eine solche Erfahrung in meiner individuellen Ausprägung zu haben. Ähnlich ist es bei mir mit Motorradfahren. Einige Leute in meiner Umgebung fahren die Dinger und erzählen mir, wie sie das empfinden. Ich kenn auch die mediale Rezeption. Aber bisher hat’s bei mir nicht gereicht, um ein gesteigertes Interesse hervorzurufen. Vielleicht werde ich irgendwann Lust darauf bekommen. Dann mach ich das sicher auch. Bei Drogen ist es ähnlich.
Im politischen Bereich ist das für mich differenzierter. Feiern, Solipartys, kein Thema. Aber wenn’s um Aktionen geht: klaren Kopf behalten. Auf einer Demonstration hat Alkohol nichts zu suchen. Solche Situationen sind immer repressionsgefährdet und ein klarer Kopf schützt einen selber vor unbedachten Handlungen und andere vor ihren Auswirkungen. Was der Autor im Artikel ansonsten beschreibt, ist eine Überzeichnung der Zustände. Natürlich gibt es Leute, die Drogenverzicht zur einzigen Lebensanleitung erklären. Die anderen das vorschreiben wollen. Das ist ohne Frage uncool und kein bisschen emanzipatorisch. Man kann gute Gründe haben, warum man das tut, vielleicht kann man damit Menschen überzeugen. Man kann aber auch keine Gründe haben, oder sie nicht mitteilen wollen.
Immer Herr seiner selbst zu sein, rauchfrei, nüchtern und zurechnungsfähig, das ist die gesellschaftliche Erwartung, der man gerecht werden soll, auch wenn die Doppelmoral dieser Erwartung offensichtlich ist.
Mir kann doch egal sein, was die gesellschaftliche Erwartung ist. Man wird nicht umhinkommen, bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Bildung ist auch eine gesellschaftliche Erwartung – und trotzdem halte ich es für sehr sinnvoll sich umfassend zu bilden, gerade im politischen Kontext. Diese “Anti-aus-Prinzip”-Haltung ist irgendein unpolitischer Mist, den der Autor da reproduziert und damit seinen eigenen Argumenten zuwiderläuft.
Darum ist es auch ganz angenehm, einen Gegenartikel im selben Medium zu lesen.
Wer gerne Fasching im eigenen Kopf feiern oder mal Urlaub von sich selbst machen will, dem wünsche ich viel Spaß. Die Entscheidung, einen drogenfreien Lebensstil zu führen, ist, anders als beim Veganismus […], eine Geschmacksfrage und keine politische Entscheidung. Der individuelle Konsum oder Verzicht ist weder subversiv noch reaktionär, nur Begründungen für die jeweilige Entscheidung können es sein.
[Bildquelle: stillabreit | Lizenz: CC BY-SA 2.0]
Da fasst man sich wieder an den Kopf – es hat den Anschein, als ob sich die Modegeschäfte im hippen Berlin-Mitte die Relevanz in der Militanz der autonomen Szene neiden. “Der hat was abbekommen und war in den Medien und mein Geschäft nicht – das ist doch unfair.” Sind das die Gedanken, die die Inhaber gerade umtreiben?
Nachdem es zur großen Entglasung des Flagship-Store-Gebiets in Mitte gekommen ist, legt man jetzt also selbst Hand an und feiert die gesplitterte Scheibe als It-Zustand des Jahres 2011.
Mal ernsthaft: was steht da für eine Arroganz hinter? Die meisten dieser Hipster-Ladenbetreiber wissen genau, welche Wirkung ihre Läden und ihre Lebensstile auf die Innenstadt haben – die meisten lesen taz oder tagesspiegel, das Wort Gentrification ist ihnen kein Fremdwort und ihr Bildungsstandard ist so hoch, dass sie die abstrakte Problematik begreifen können und auf sich selbst übertragen können. Sie wissen, dass sie für die Vertreibung von Menschen aus den Innenstadtbezirken zuständig sind, sie wissen, dass sie Leben damit schwerer machen oder zerstören. Vielleicht schaffen die meisten es, den Gedanken daran zu verdrängen (haha, Kalauer), weil solche Prozesse still und heimlich im Privaten ablaufen und die Außenwelt erst nach Jahren die strukturellen Veränderungen mitbekommt. Aber so eine “Kunstaktion” zeigt doch, dass man sich mit der Thematik auseinandergesetzt hat – und rotzfrech auch noch mit dem nackten Arsch wedelt.
[via Gentrification Blog]
Mir geht ja gerade tierisch auf die Nerven, dass alle möglichen Blogs dieses Exquiste Werbevideo posten und sich darüber freuen, dass das alles ja sooo verboten und rebellisch ist.
Auf electru hab ich diesen Kommentar gepostet:
Exquiste-Partys sind sehr vorsichtig zu genießen. Das Konzept war am Anfang sehr cool und hat Spaß gemacht, die Berliner Szene auch etwas weiter gebracht. Dann ging es aber bergab, die Leute waren die ersten, die in Berlin auf illegalen Veranstaltungen Eintritt genommen haben (meistens 3€) – nicht nur auf den RTS-Partys, sondern auch auf ihren sonstigen Veranstaltungen (und nicht alle liefen unter dem Exquisite-Label). Sie waren quasi die ersten, die zu einer Entwicklung der Szene hin zu so unsäglichlichen Veranstaltungen wie dem Friedrichshain Liebt Dich und der Eisfabrik geführt haben.
Ich finde die Geisteshaltung, für Raves im öffentlichen Raum Eintritt zu nehmen, ablehnenswert und damit auch den Veranstalter.
Das ist mal wieder so ein Fall, wo sich manche Sachen total unreflektiert weiterverbreiten. Einen ähnlichen Fall gibt’s jetzt meines Wissens nach bei den Renate Open Airs: 5€ Eintritt und Selektion. Wo man bei der Selektion noch sagen kann: “Dat rettet die Szene” (wobei ich solche Ansätze sehr bezweifle, höchstens Altersgrenzen angebracht finde) ist Eintritt einfach mal: soziale Selektion. Und die ist per se scheiße. Ich weiß nicht, ob sie die Renate-Leute damit ein dauerhaftes Gelände finanzieren oder einfach nur nicht so viele Leute drin haben wollen. Aber widerspricht trotzdem meinem Empfinden.
Naja, für alle Blogger zum mitschreiben aber nochmal der erste Teil zusammengefasst: Exquiste-Team: nicht gut.
(Foto von sEbo)
Wer gestern auf der Hauptstraße, einer großen langen Straße zwischen Ostkreuz und Köpenick unterwegs war, traute seinen Augen kaum. Wo sonst nur müde Kraftwerksmitarbeiter ihrer Wege gehen und die Straße ansonsten komplett leer ist, liefen unzählige Menschen. Aber als Berliner zwischen 15 und 30 mit Facebook-Zugang hat man eh mitbekommen worum es geht: 9000 Einladungen waren draußen für das “F-Hain <3 dich”-OpenAir. Wo man sich schon in Szene-Kanälen auf ein interessantes LineUp gefreut hat, hat sich die große Masse erst recht für Umsonst & Draußen begeistern können.
Ich bin so gegen 1 Uhr hingefahren und fand die Veranstaltung symptomatisch für diese ganze Facebook-Problematik. Von Atzenpartyprolls bis szeneliebenden Minderjährigen war alles dabei, und zwar in einer Menge, die definitiv nicht mehr gesund war. Auf dem Gelände waren so um die 1000-2000 Leute, und die gleiche Menge nochmal drumherum bzw. auf dem Weg dahin. War sicher am frühen Abend anders, und bestimmt auch den Sonntag über. Aber als wir angekommen sind war es zuviel. Die Grundstimmung war recht aggressiv, Gerüchte über Neonazigruppen gingen rum und auch eine gewisse Verantwortungslosigkeit blieb bei der Masse an Leuten nicht aus. Kippen ab in den Rasen, ob die Location abfackelt ist ja bekannterweise egal. Ich habe mich auch nicht wirklich sicher gefühlt, bei der Menge an Leuten hätte der Veranstalter Kontakt zum Rettungsdienst aufnehmen müssen, die dann in der Nähe hätten stehen müssen. Im allgemeinen bin ich überrascht, dass die Polizei die ganze Sache nicht zu dem Zeitpunkt aufgelöst hat, vor Ort war sie ja – ich glaube kaum, dass die normalen Veranstaltungsauflagen eingehalten wurden. Grundsätzlich positiv zu bewerten, dass sich der Staat nicht einmischt (auch wenn viele Zivilcops auf dem Gelände waren), aber hier doch sehr seltsam. Hmm, wer weiß, vielleicht hatten die Veranstalter auch Security auf dem Gelände, die aber einfach nicht zu sehen waren?
Was mir auch aufgestoßen ist: eine Taxischlange vor dem Gelände, wie man sie sonst vor dem Weekend oder Berghain sieht. Ey, auf nem Rave? … Sorry, aber dit sind nicht meine Leute. Genauso diesen Shuttle-Bus-Service, den ich irgendwo gesehen habe. Absolut freakig. Letzteres wurde bestimmt schön durch die 4€-ClubMate finanziert. Auch das: absolut freakig.
Wofür man eine Lanze brechen muss ist das angenehme LineUp und der fette Sound. Das wars aber auch. Ansonsten gabs halt so typische OpenAir-Probleme: überall Müll und Flaschen (bei der Größe dann auch ein dickes Problem!), wenig Licht (Deko war Nähe Tanzfläche ganz nett, aber man hätte gerade aufm Weg mehr machen können).
Kommen wir mal zu einer Analyse/Kritik:
- Fakt ist, die Rummelsburger Gegend bietet viele geile Locations, die in letzter Zeit immer mehr genutzt werden, von diversen Veranstaltern und nicht nur für Raves. Aber die Gegend wird sich wieder schnell verbrennen, man liest ja schon von Vergleichen zwischen dem “Revaler Technostrich” und dem “Rummelsburger Technostrich”.
- Die Veranstaltungspopularität wurde entweder schlecht im Auge behalten oder die Veranstalter haben drauf geschissen. Es waren einfach zuviele Leute.
- Ja, Raves sind Mainstream. Nicht erst seit gestern, vielleicht nicht mal seit Kalkbrenner. Aber das OpenAir hatte eine symptomatische Qualität. Ich kann mich nur wiederholen und die Forderungen aus dem Eisfabrikartikel wiederholen: abschotten. Facebook rauslassen. Sich mit weniger Leuten freuen. Prolls, Yuppies … sorry, aber das hat nichts mit dem Anspruch von Raves zu tun. Und ja, es gibt einen, auch wenn er für viele wahrscheinlich nur verwaschen wahrnehmbar ist.
- Und wenns dann doch ausm Ruder läuft: reagieren. Arztstation aufbauen, Kontakt zum Rettungsdienst aufnehmen. Will nicht wissen, was passiert wäre, wenn der Rave in der Hitze der letzten Woche veranstaltet worden wäre. Und wieviel Kids mit einer unbehandelten Alkoholvergiftung gerade zuhause liegen.
- Genauso: Security – wenn ich ein solches Publikum habe, muss ich Freunde bitten, als Ansprechpartner für alkohlbedingte Übergriffe zu fungieren, Leute, die auch mal dazwischen gehen können. Und auch welche für sexistische Übergriffe, das wirds wohl en Masse gegeben haben. Man muss nicht, wie das andere OpenAir um die Ecke sich komplett abschotten und Taschenkontrollen haben, aber einfach mal bei so einer Masse 50 Leute aufm Gelände haben, die auch klar erkennbar als Ansprechpartner zu Verfügung stehen. Sonst liefert man den Cops nur Munition, und auch der Justiz, wenn was passiert. So könnte man wenigstens sagen: man hat sich bemüht.
- Interessant sind die Reaktionen im Netz. Die Facebook-Veranstaltung wird größtenteils wohlwollend kommentiert mit nur vereinzelt kritischen Stimmen. Sehr viele finden es einfach nur “geil” und “super”. In den geschlossenen Kanälen ist schon recht früh, so ab 23 Uhr, Kritik zu finden, die sich nur ausweitet und ganz allgemeine Ablehnung erkennen lässt.
Insgesamt hatte ich wohl mit dem Eisfabrik-Artikel recht. Facebook ist ein No-Go. Viel zu öffentlich, viel zu unkontrollierbar – aber so sieht dieser Sommer aus. Aber das war nicht nur Facebook, wenn man mal die Veranstaltung googelt kommt da noch viel mehr ans Tageslicht. War wohl bei vielen Portalen eingetragen, als Veranstalter gibt sich Trendwende Berlin und Simplyme Original.
Impressionen:
Ich werde auch mal die Medienentwicklung beachten, Polizeimeldungen sind noch nicht raus und in den Tageszeitungen habe ich auch noch nichts gefunden, aber bestimmt kommt da mit der Montagsausgabe einiges rum. Dazu noch ein seperater Post.
Es war noch nicht DER große Knall, mal wieder scheint’s gerade wieder so die Kurve bekommen zu haben. Aber trotzdem eine erneute Mahnung: es muss was passieren. Lasst uns Gegenstrategien entwickeln. Wieder abschotten, alles kleiner halten. Los. Jetzt. Hier!
Irgendwie cool. An den Liebighäusern in Friedrichshain will jemand eine verkehrsberuhigte Zone schaffen und pinselt immer wieder und wieder einen Zebrastreifen hin. So wird die Straßenverkehrsregelung wieder in die Hände der Allgemeinheit übergeben
(via Blogrebellen)
“will weg.” – Das war der Satz, den ich bei einem Freund auf Facebook gelesen habe. Und 24h später haben wir seinen Opel Corsa vollgepackt, den Hund auf die Rückbank gesetzt und sind losgefahren.
Das ist wohl das perfekte am Studentenleben: niemand nimmt es dir krumm, wenn wegfährst, es ist ja deine Sache, den Stoff aufzuholen. In diesem Sinne ein Lied des Trips.
Wir sind dann mitten in Windstärke 9 im Ort meiner Kindheit, Schaprode auf Rügen, angekommen. Hier habe ich mindestens einmal pro Jahr meine Zeit verbracht, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe. Zelt dabei aufzubauen, war nicht allzuleicht, aber weggeflogen ist es nicht. In uns fließt ja auch deutsches Blut, klischeebedingt müssen wir ja geborene Camper sein. Spaß beiseite, bombenfest stand es auf dem Zeltplatz, auf dem wir wohl 20-30 Jahre vom Durchschnittsalter entfernt waren.
Den Tag haben wir noch genutzt, um eine Freundin in Sassnitz zu besuchen, über die günstigen Wohnungen dort zu staunen (360€ warm für knapp 100qm … oder mehr?) und ganz un-outdoormäßig Essen da zu machen.
Die nächsten Tage waren von Sonnenschein und milden Brisen geprägt, wir haben uns hinter Lehrbüchern versteckt und es genossen, mal keine Musik, keine Mädchen, keine Club Mate und keine durchgefeierten Clubnächte zu haben. Mit dem Sonnenuntergang schlafen zu gehen reißt einen komplett aus dem Alltag raus. Und insofern war es ein Erfolg, jedenfalls für mich – ich bin rausgerissen aus einer Lethargie, die sich auch in fehlenden Blogeinträgen geäußert hat – aber grundsätzlich viel mehr affektiert hat. Nachdem wir nach 3 Tagen nachhause gekommen sind, habe ich mich an allerlei Kram gesetzt und fühl mich wieder mitten im Leben.
Das Gefühl am Anfang war komisch. Ich hatte Angst, mein Leben einfach mal sich selbst zu überlassen, von hier auf heute unerreichbar zu sein, weg zu sein. Echt seltsam, wie sehr das Gewohnheitstier in einem sich sträubt. Und dann fällt das ab, je weiter man sich von Berlin entfernt. Und am Ende ist alles gut.

