Ich bin nicht auf dem #29C3. Das ist vielleicht die wichtigste Vorbemerkung zum Artikel. Ich sitze in Berlin in der C-Base und schaue mir die Live-Streams an, folge vielen Menschen, die vor Ort sind, auf Twitter und lese nachbereitende Blogartikel.

Dieses Jahr ist das Thema Sexismus, was auf den letzten Kongressen, für viele wahrscheinlich unterschwellig, schon immer anwesend war, sehr präsent. Vor allem, weil es halb-organisierte Strukturen gibt, die systematisch Übergriffe jeder Art, deutlich anprangern und Verfahrensweisen vorschlagen (die rot/gelb/grünen Karten z.B.). Das ist, so weit ich es beurteilen kann, eine gewachsene, aber insgesamt neue Qualität. Folgender Effekt: es gibt nicht mehr (Alltags-)Sexismus als vorher, er wird nur durch die kontinuierliche Arbeit offensichtlicher. Das fühlt sicher bei vielen zu einem gefühlten Ansteigen und den vor der Brust verschränkten Armen: “Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das so schlimm ist, war doch bisher immer entspannt.” Nein, war es nicht. Der Kongress ist, im Großen und Ganzen, ein Abbild der Gesellschaft. Und die ist nicht entspannt.

Haupt- und Nebenkonflikt?

Eine Hackerbewegung ist mehr als nur ein einziger gesellschaftlicher Kampf, viel mehr besteht er aus vielen Konflikte, die überall ineinandergreifen. Wenn man sich den Fahrplan des Kongresses anschaut, dann sieht man, das es um Datenfreiheit, um Transparenz, um Anti-Militarismus und um vieles mehr geht. Die Besucher_innen lassen sich darauf ein, bauen ein konstruktiven Diskurs über die Konfliktfelder auf, wägen Pros- und Contras ab. Bei Sexismus scheint das nicht zu passen, es werden Fronten aufgebaut, weil man(n) sich in seiner Persönlichkeit angegriffen fühlt – weil die Konflikte, die sonst ganz abstrakt behandelt werden, auf einmal extrem real sind? Weil man nicht auf der Seite der Guten (?!) steht? Weil der eigene Lebensentwurf komplett in Frage steht? Ganz ehrlich: tut er nicht. Es ist großartig, was die netzpolitische und Hacker-Bewegung auf der Welt leistet. Viel mehr als alle anderen sozialen Bewegungen hat sie ihr Wissen genutzt, um die Bedingungen zu verändern mit Annahmen, die auf gesellschaftlichen Idealen basieren. Der Schritt zum antisexistischen Verhalten ist da nicht weit. Die Auflösung von Privilegien und/oder Diskriminierung aufgrund von unterschiedlichen körperlichen oder sozial-konstruierten Geschlechtern (sex & gender) ist ebenso ein gesellschaftliches Ideal. Die bestehenden Verhältnisse gilt es zu hacken. Das heißt nicht, dass man mit allem, was an Input aus der feministischen Bewegung kommt, konform gehen muss. Aber wenn man konstruktiv damit umgehen will, muss man sich zwangsläufig erstmal mit dem eigenen Verhalten beschäftigen. Das heißt, man muss auf Augenhöhe kommen, und das tut man nicht, in dem man aktiv durch den eigenen beschissenen Humor Menschen herabwürdigt und ihnen das Gefühl gibt: “Verpiss dich aus meinem Revier.” Und das macht man auch nicht, indem man passiv solches Verhalten stützt. Das Jeopardy der gestrigen Nacht hat beides sehr gut vor Augen geführt. Der Idiot auf der Bühne. Eine schweigende Masse. Und die tollen Menschen, die es begriffen haben und gleichzeitig den Sinn der CreeperCards sehr schön demonstriert haben: als simples Zeichen für “Es ist Zeit, deine Fresse zu halten, einen Gang runterzuschalten und die Situation zu reflektieren.” Es ist kein weiter Weg, diesen Schritt nach vorne zu machen und es ändert euer Leben nicht. Aber es macht das Leben im Endeffekt schöner. Eigentlich braucht man diese ganzen Privilegien nämlich nicht.

Wenn man erstmal auf dem Niveau angekommen ist, dass die Basics aktzeptiert werden und man sich hinsetzt und anfängt zu reden statt zu haten, dann kann man weiter gehen. Dann kommt man sicherlich auf Konfliktpunkte wie eine weitgehend akademische Sichtweise des Feminismus in der Hackerbewegung, auf die Frage nach Praktikabilität in sozialen Kämpfen, nach Modalitäten, nach Ausfransungen, man kommt zu all den kleinen Debatten, die ansonsten auch im Feintuning die restlichen Kongressthemen bestimmen. Frei nach Refpolk im Song “Einige meiner besten Freunde sind Männer“: Sieh mich als ein Prozess voller Zweifel am Keyboard, denn Befreiung heißt für mich auch die Suche nach Alternativen zum “Mann”. Wenn man aber keinen gleichberechtigen Raum zur Diskussion zur Verfügung stellt, dann kann man auch nicht erwarten, dass irgendwer darauf Bock hat sich auf eine Debatte einzulassen, in der man konstant als geringwertig eingeschätzt wird. Ich selber bin kein Feminist. Aber ich hab sehr schnell kapiert, dass mir niemand in meinen bevorzugten politischen Tätigkeitsfeldern zuhört, wenn ich nicht bereit bin, mich an einem bestimmten Grundkonsens zu halten. Und die Perspektive hat mir bisher nur Gutes gebracht in meiner kritischen Reflexion von Macht, Herrschaft und Gesellschaft. Das wirkt sich auch positiv auf die politische Arbeit in anderen Bereichen aus. Bildet euch, bildet Banden.

Atmosphäre der Angst

… und dann ist da noch die Sache mit den Idioten, die meinen, eine Gegenbewegung starten zu müssen. Ihre Männlichkeit, ihren guten Ruf, ihre gesellschaftlichen Privilegien zu verteidigen, indem sie die Realdaten von Aktivistinnen im Netz veröffentlichen. Das verunmöglicht jede Form von konstruktivem Diskurs. Es wird ein Atmosphäre der Angst erzeugt, die Menschen davon abhält, sich zu äußern. Ich habe lange überlegt, ob ich Bock darauf habe, zu dem Thema etwas zu schreiben, weil die Chance nicht klein ist, dass ich auf irgendeiner “femnazi watchblog liste” (wtf?!) lande.  Das Veröffentlichen von Daten ist ein politisches Kampfmittel. Es macht in meinen Augen Sinn, um z.B. Nazistrukturen offensichtlich zu machen und ihnen den gesellschaftlichen Raum zu nehmen. Es ist aber ein Mittel, dass mit Vorsicht eingesetzt werden muss. Es richtet sich ganz eindeutig gegen solche, die noch mehr mit ihren konkreten Aktionen als mit ihrem politischen Handeln Menschen in ihrem Leben bedrohen. Feminist_innen durch die Aktionsform damit gleichzusetzen ist einfach nur widerlich. Damit stellen sich die femwatch-Leute auf eine ähnlichen Stufe wie Neonazis, die das Bedrohungsszenario im Rahmen ihrer Anti-Antifa-Aktivitäten aufbauen und mit ihrer Veröffentlichung von Daten oft die Drohung mit körperlicher Gewalt verbinden. Und wie lange soll es bitte schön dauern, bis in der wertgeschätzten Anonymität des Kongresses dieser Schritt getan wird, ergo: es ist nur noch einer kleiner Schritt, um die veröffentlichten Personen zum Freiwild zu erklären und zum Abschuss freizugeben.

Not my department?

Es geht alle etwas an. Der Kongress sollte barrierefrei zugänglich sein und das Kongressmotto agiert dabei wunderbar als Aufforderung an den CCC selber und an die Besucher_innen. Barrieren gibt es genug, im körperlichen, in den Köpfen, in den Herzen. Es wird daran gearbeitet, diese Barrieren abzubauen und Kongress, Bewegung und Gesellschaft ein ganz kleines Stück angenehmer und herrschaftsfreier zu gestalten. Denkt darüber nach. Steht dem nicht im Weg. Ändert euch. Helft, wo ihr könnt. Denkt nochmal drüber nach. Und dann, wenn ihr wollt, bringt euch in die Debatte ein.

 

Wenn ich mir die deutschen Reviews zum Kinostart von “The Hobbit” anschaue, fühle ich mich irgendwie, als ob sich kaum jemand mit dem Werk auseinandergesetzt hat. Der große Vergleichspunkt ist LOTR in seinen Verfilmungen, nicht “The Hobbit” selber. Sehr befremdlich. Anders als die ganzen coolen Rezensionen kann ich gar nichts zur 3D-HFR-Version sagen, ganz simpel, weil ich 3D hasse und wir deshalb mit unser kleinen Fan-Gruppierung in die “normale” Mittwochs-Preview am Potsdamer Platz im Originalton gegangen sind.

Mir ist aufgefallen, dass meine Freunde alle zu alt werden, um so einen Quatsch wie “ich verkleide mich als irgendwas und ziehe alle Blicke auf mich” in einer Filmpremiere mitzumachen. So kam es, dass ich als einziger im Waffenrock und mit schwarzem Reisemantel, vermummt mit schwarzem Tuch, etwas verloren zwischen einer stinknormalen Kinobesuchergruppe am Potsdamer Platz stand. Zwischendrin kamen zwar andere Gruppen vorbei, die es aber für meinen Geschmack deutlich übertrieben haben – ich habe bewusst das LARP-Schwert zu Hause gelassen. Im Kino selber haben mich dann Kapitalismus-Söldner der LARP-Szene ausgemacht, die bezahlt wurden, um gute Stimmung zu verbreiten (wahrscheinlich, weil halt keiner mehr außer mir den Quatsch freiwillig macht), und kamen auf mich zugerannt. “Du bist doch bestimmt Herr-der-Ringe-Fan!” “Ähhh … ich will zu “The Hobbit”" “Ja, genau, Herr der Ringe, hier bekommst du einen Anhänger von uns geschenkt.” – nettes Geschenk, aber verwirrendes “Gespräch”. Ich will zum Hobbit, nicht zu Herr der Ringe. Also nochmal für alle zum Mitschreiben, was mir bei dieser Rezension wichtig ist: “Der kleine Hobbit” ist nicht “Herr der Ringe”!

Zum Film: Schön. Sehr schön. Aber … ach. – Ich bin ziemlich begeistert von der Detailversessenheit, mit der das Buch umgesetzt wird, die aber auch erwartbar war vor dem Hintergrund, dass ein paar hundert Seiten in drei Filmen untergebracht werden. Ich war frustriert von den Brückenschlags-Ergänzungen, die Jackson gemacht hat, um sein Filmuniversum abzurunden. In meinem Empfinden hatte “Der kleine Hobbit” mit dem restlichen Tolkien-Komplex nämlich nur geringfügiges Anknüpfungspotential, und das scheint Jackson halt irgendwie übertünchen zu wollen – was zwangsläufig darin endet, dass sich das Spannungsfeld zulasten des Filmes auf der Leinwand zeigt. Mir fehlen einige Sachen, die den Film für mich abgerundet hätten: die epischen Darstellungen der Hintergründe waren in Ordnung, aber hier hätte viel mehr erzählerisches Potential kommen müssen, die Stimme aus dem Off war selten da. Das gleiche Problem bei der Figur Gandalf: dadurch, dass sie unkommentiert soviel Raum bekommt, verdrängt sie Bilbo als eigentlich Hauptfigur des Films massiv – hier hätte man mit einer Omnipräsenz des erzählenden Bilbos gut gegensteuern können.

Was mich wirklich begeistert hat, war der Witz, den die Umsetzung hatte. Bei diesen Stellen war es ganz offensichtlich, dass hier ein Kinderbuch vorlag, und ich hätte gerne mehr gelacht. Das hat das alles sympathisch gemacht und mich daran erinnert, wie ich das als Kind gelesen habe und leise unter der Bettdecke, ganz stilecht mit Taschenlampe, vor mich hingelacht habe. Jackson hätte im Großen und Ganzen gut daran getan, das Buch nicht als Ergänzung zu “seinem” Herr der Ringe zu verfilmen, sondern als solches Kinderbuch, das es halt ist – mit all den schrulligen und unschuldigen Details, wegen denen man es als Erwachsener auch noch gerne liest. Mehr Mut zum Kind!

Ich bin sehr gespannt, was die nächsten Teile bringen und *spoiler* ob der Albino-Ork eine schönere Hand findet.

Bild: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 by Rob Chandler (http://www.flickr.com/photos/96147639@N00/319251960/)

 

“Warum hast du eigentlich einen bekannten Neonazi bei dir in der Freundesliste?” “Ach, den kenn ich aus Forum XY, der ist total nett. Neonazi, sagst du, ist der?” – Ein grandioser Einstieg für einen Streit, der so eine sozial fragile Rollenspielgruppe an den Rand der Spaltung bzw. ihrer Existenz bringen kann. Mit kaum einem Thema habe ich mich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Rollenspielen mehr auseinandergesetzt, als mit der Rechtsoffenheit von Mitspieler_innen.

Machen wir uns nicht vor: nicht nur stellen Rollenspieler_innen einen Querschnitt durch die die deutsche Mehrheitsgesellschaft dar, mit ihren ganzen rassistischen Strukturen, Privilegienverteilung und was man nicht gerade an den Universitäten unter den Seminarennamen “Critical …” verarbeitet. Auch bietet gerade der Fantasy/Mittelalter-Bezugsrahmen eine willkommene Anlaufstelle für Menschen, die ihre völkischen, rassistischen und neonazistischen Ansichten kritikfrei ausleben möchten. Viele Symboliken, die ansonsten als Identifizierungsmerkmale der extremen Rechten gelten, werden von Spieler_innen unreflektiert hingenommen oder selbst getragen – man gehe mal auf einen LARP und stelle die Forderung in den Raum, die Thorshämmer vom Hals zu nehmen. Ein Großteil der Beteiligten wird sich angesprochen fühlen und kaum einer wird Verständnis dafür haben. Ich habe mich aus diesen Gründen vor einiger Zeit von LARPs zurückgezogen.

Mir ist immer mehr aufgefallen, wie unreflektiert mit dem eigenen Spiel umgegangen wurde (die Wolfsangel wäre nur ein Symbol ihres Clans der Wölfe … ), wie schwer eindeutige Positionierungen fallen, wie in feinster Extremismustheorie Links und Rechts in einen Topf geworfen werden und wie sehr Beteiligten rassistisches Verhalten (“Schokoelfe” als Spitzname für eine dunkelhäutige Mitspielerin?) für witzig oder den Normalzustand hielten. Musik der extremen Rechten oder aus dem Grauzonebereich, vor allem NSBM, Neofolk und Liedermacher, wurden bestenfalls unkritisch in das eigene Verständnis der Subkultur eingebaut, die Kritik daran mit dem Verweis auf die eigene “unpolitische” Haltung abgewiesen.

Gleichzeitig muss ich sagen: durch Rollenspiel habe ich auch einen sehr diversifizierten Freundeskreis gehabt: Menschen mit persischem, nigerianischen und osteuropäischen Einwanderungshintergrund, bekennnende Juden und Protestanten. Es ist faszinierend, wie eine Szene, die gerade im LARP-Bereich so von Rechten durchsetzt ist, gleichzeitig so divers sein kann. (Übrigens habe ich das Gefühl, dass Cyberpunk von Rechtsoffenheit insgesamt weniger betroffen ist – bei Shadowrun & Co. sind mir bisher die cooleren Leute über den Weg gelaufen)

Beim Pen&Paper sieht es ähnlich aus, eine Gruppe zu finden, bei der sich alle Teilnehmer_innen kritisch mit ihrer gesellschaftlichen Position und ihrem Bekanntenkreis auseinandersetzen, ist zumindest mir ein Ding der Unmöglichkeit. Die Szene ist zu klein, die strukturellen Verbindungen gerade auch zu rechtsoffenen Subkulturen (Gothic sei hier vor allem gennant) schlagen immer wieder in das Gewicht. Die Politik-Sektionen von einschlägigen Szeneforen lassen einem das Schaudern über den Rücken laufen, und man findet auch in kleinen Communities vom Burschenschaftler über NSBM’ler und Neofolker zum Otto-Normal-Sarrazinisten alle Formen von rechtem Gedankengut. Ich habe auch richtig Angst über das Internet nach neuen Spieler_innen zu suchen, weil die Gefahr mir recht hoch erscheint, solche Idioten in meine Wohnung zu lassen.

Und überhaupt, was ist eigentlich mein Problem? Sollen die doch alle Nazis sein, wir wollen ja nur spielen … – Genau da liegt aber auch der Punkt für mich: Rollenspiel ist für mich eine Form der Entspannung, etwas, wo ich stundenlang den Alltagsstress abschütteln und mit Freunden in einem wunderbaren, spannungsgeladenen Setting abtauchen kann. Das kann ich nicht, wenn ich mir darüber Gedanken machen muss, ob jemand gerade seinen Charakter ausspielt (der ja durchaus ein rassistisches, sexistisches Arschloch sein kann) oder das Spiel für die Projektion seiner eigenen verkorksten Persönlichkeit nutzt und ich ihm hier eine Plattform für seine geistige Haltung gebe. Ich möchte auch nicht spielen, wenn ich die ganze Zeit daran denken muss, dass Mitspieler_innen mit irgendwelchen Neonazis rumhängt und man eigentlich, statt lächelnd gerade den Run gegen Saeder-Krupp miteinander durchzuziehen, ein klärendes Gespräch über die Gefahren des Umfelds führen müsste. Sowas belastet meine Entspannung und sowas belastet meine Person und die Freundschaft zu den anderen Beteiligten. Das will ich nicht in meinem Spiel haben. Shadowrun, DSA, LARP – das sind Spiele. Rassismus, Sexismus und Unterdrückung sind es nicht. Das sind bitterernste Machtverhältnisse. Und die haben in meinem Rollenspiel nichts zu suchen.

Aber was nun? Ich habe für mich bisher die Entscheidung getroffen, nachdem es mir in meiner aktiven LARP- und DSA-Zeit zu unangenehm wurde, ständig mit irgendwelchen Nazis auf (Haft-)Urlaub zusammenzuspielen, mich auf Shadowrun in einer kleinen Gruppe zu beschränken – obwohl ich durchaus das Bedürfnis habe, wieder aktiver zu spielen oder auch mal zum LARP wieder zu erscheinen. Aber einerseits zeigen sich auch in meiner kleinen Gruppe spaltende Konfliktlinien an dem Thema entlang und andererseits wüsste ich auch gar nicht, wo ich nach entsprechenden Spieler_innen und Veranstaltungen suchen sollte – eine klare politische Positionierung ist schlichtweg kein relevantes Kriterium in der Rollenspielszene, nach der man Cons usw. sortieren kann. Ich bin also so klug wie vorher, nur dass ich jetzt mal einige Gedanken verschriftlicht habe.

Darauf möchte ich übrigens besonders hinweisen: das ist kein Artikel eines abgeschlossenes Gedankenprozesses, sondern eine mitternächtliche Niederschreibung von Erfahrungen, gefühlten Problematiken und tatsächlichen Enttäuschungen. Viele Enden mögen lose sein, vieles mag der Ergänzung bedürfen, manche Argumentationslinien mögen gerade denjenigen Leser_innen, die sich nicht regelmäßig an politischen Diskussionen beteiligen, zu schwach oder nicht logisch erscheinen, weil ich viele Sachen als gegeben voraussetze. Umso mehr bin ich auf Kommentare und Nachrichten gespannt, weil das Thema mich schon eine ganze Weile beschäftigt und ich mich sehr über etwas Richtung und natürlich auch Support im Sinne von “Hey, du bist nicht der Einzige, der so denkt, wahrnimmt, etc.” freue.

 

 

Es schwingt ja immer mal wieder mit, dass wir böse Blogger und Medien nur meckern können, aber von weit weg gegen das arme Dorf hetzen. Dem würde ich gerne eine kleine Aktion entgegensetzen, eine Blogparade quasi: Wir Blogger, wer sich da beteiligen möchte, erstellen viele kleine Playlist’s und Mixtapes, die den Schülern der KGS Kirchberg zeigt: hey, es gibt noch andere Musik, weitab von Sleipnir und Onkelz, die eure Gefühle ausdrücken kann und euch dazu auch noch zum kritischen Nachdenken bringt, die die Welt in ihrer Komplexität ausdrückt und euren Problemen und Sorgen gerecht wird und versucht, vernünftige Antworten darauf zu finden. Erwartungsgemäß werden sich dabei viele Songs gegen Rechts einfinden, aber mein Wunsch wäre, dass wir es schaffen, über unsere Musikauswahl Anstoß für eine reflektierte, nachdenkliche, energische, autonome und positive Jugendkultur zu geben.

Beteiligte Blogs:

Meine Playlist:

wird laufend ergänzt

1. Berlin Boom Orchestra – Nicht Egal

Mehr nach dem Break.

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Habt ihr die Artikel und Statements vor euren Augen, die Nazis als Randgruppenproblem der Gesellschaft marginalisieren und eine Anschlussfähigkeit der “demokratischen Mitte” für nicht möglich halten? Auf Facebook bin ich vorhin über einen Link zu YouTube gestolpert, der exemplarisch wunderbar das Gegenteil beweist. Aber um erstmal auszuholen: es geht um Sleipnir. Sleipnir ist eine Naziband, sie spielen beliebten Rechtsrock.

„Sleipnir“ ist das Pseudonym des rechtsextremen Liedermachers Marco Laszcz und gleichzeitig der Name der Band, dessen Kopf er ist. Die Band wurde Anfang der 1990er Jahre in Verl/Gütersloh (Nordrhein-Westfalen) gegründet und ist seitdem in unterschiedlichen Besetzungen aktiv. Sie unterhält Kontakte zum verbotenen Blood&Honour-Netzwerk, zur Szene der freien Kameradschaften und zur NPD. — Netz gegen Nazis

Sleipnir sind also nicht nur irgendeine rechtsoffene Rockband wie die Böhsen Onkelz, diverse Oi-Formationen etc.; vielmehr sind sie im selben Umfeld vernetzt, dass, wie im Falle von Blood & Honour, den NSU hervorgebracht hat.

Auf YouTube ist nun ein Video zu finden, dass eine gesamte Abschlussklasse zeigt, wie sie im Chor das Lied “Verlorene Träume” von Sleipnir aufführt. Nicht betrunken mitgröhlt, nein: auf einer Bühne, augenscheinlich in der Schule in der Stadthalle, aufführt.

Das originale Video mit inzwischen über 20.000 Zugriffen ist noch auf YouTube zu finden, allerdings für den deutschen Sprachraum gesperrt. Inzwischen komplett vom Nutzer rausgenommen worden, hier ist aber ein Mirror verlinkt. Zitate von Kommentaren beziehen sich darauf.

Bei dem Ort handelt es sich dem Stadtwappen zufolge um Kirchberg, ein Gemeindeteil von Hunsrück, in Rheinland-Pfalz. Bei der Schule wird es sich um die Haupt- oder Realschule handeln, die in diesem Ort angesiedelt sind. Ich habe beide Schulen die Schulleitung der kombinierten Schule um Stellungnahme gebeten. Der Veranstaltungsort ist die Stadthalle Kirchberg (via Kommentar im Kraftfuttermischwerk), vergleiche auch die Website eines Chors (von dem Sachverhalt total unabhängig und nur zur Beweisführung dienlich). Auch an den Bürgermeister ging eine Anfrage raus.

Die Lehrer waren sich laut eines YouTube-Kommentars des Problems wohl bewusst. Der Nutzer BVEboStar kommentierte:

die Lehrer wussten das teilweise… Viele sind einfach rausgegangen als wir angefangen haben zu singen…

Anstatt also einzugreifen, flüchtete man. Viel mehr kann man zu der Sache einfach nicht sagen. Offen bleiben die Fragen, warum es zugelassen wurde, warum nicht interveniert wurde und warum eine gesamte Abschlussklasse sich hinstellt und ungestört und gemeinschaftlich Rechtsrocklieder singt.

Neue Entwicklungen nach dem Break:

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Wie schnell sich hier angenehme Ruhe in frustrierenden Klimahorror verwandeln kann. Ein Sturm hat in der DC-Area vor knapp 8 Tagen fast die komplette Stromversorgung lahmgelegt. Millionen Haushalte ohne Strom, vor allem darauf zurückzuführen, dass die Infrastruktur hier marode und technisch rückständig ist. Statt Stromleitungen im Untergrund zu führen und so vor herabstürzenden Ästen und starken Winden zu schützen, zieht sich hier durch die Ortschaften ein Netz von Strommasten, die in ihrer Verästelung die Wohngebiete versorgen. Passiert etwas mit den überirdischen Kabeln, verliert das Gebiet den Strom – denn ein Kabel auf Bodenhöhe bedeutet Lebensgefahr, wenn dort Strom durchfließt. In der Konsequenz: Strom aus, hinfahren, reparieren – und erst dann kann für das Gebiet wieder der Strom angeschaltet werden. Qualitative Unterschiede lassen sich dabei höchstens in der Kontrollfähigkeit des Stromflusses feststellen, d.h.  ab welchem Verästelungsgrad abgeschaltet werden muss.

Die Stromversorger haben sich das fein ausgerechnet. Die Modernisierung würde den Profit schmälern, selbst wenn man die Kosten auf die Verbraucher abwälzen würde, die regelmäßigen größeren Ausfälle werden in Kauf genommen. Eine richtige Wahl zwischen verschiedenen Versorgern hat man eh nicht. Aus der Politik kommt Gezeter, aber die Investition von öffentlichen Mitteln in die Infrastruktur scheint anders zu funktionieren als bei uns; letztendlich ist davon wenig die Rede und die Unternehmen scheinen größtenteils unter privatwirtschaftlichen Prämissen zu arbeiten. Trotzdem würden viele Kunden die Erhöhung der Strompreise für eine Modernisierung gerne in Kauf nehmen.

Ein Sturm hat in diesem fehleranfälligen System maximalen Schaden angerichtet. Ich wohne in dem am schwersten betroffenen Gebiet, Montogomery County. Ca. 1/2 Mio Menschen ohne Strom, viele davon über Tage. Bei mir floß es erst am Donnerstag wieder, also nach 6 Tagen, und zu dem Zeitpunkt waren immer noch 60.000 Menschen in dieser Gegend ohne Strom. Inzwischen sollten alle versorgt sein, die Arbeitstruppen, die aus den nördlichen Staaten und sogar Kanada (!) herbeordert wurden, sind schon wieder auf dem Rückweg. Der Stromausfall hat die Stadt und das Umland an den Rand des Notstands getrieben: Schulen waren geschlossen, viele öffentliche Angestellte durften zuhause bleiben, und die US-Bundesregierung hätte fast ihren Laden komplett geschlossen, was einem shutdown von DC gleichgekommen wäre. Die Sturmschäden haben nicht nur auf die Strominfrastruktur Einfluss genommen, sondern natürlich auch die Straßen mit entwurzelten Bäumen blockiert, Gebäudeteile zerstört und Menschenleben gefordert. Irgendwie hat man diesen Fast-Notstand aber dann beibehalten, wobei viele Menschen auch glücklich waren auf Arbeit zu sein: dort konnten sie ihre elektrischen Geräte laden, ins Internet kommen und ganz wichtig: runterkühlen.

Denn das ist der zweite Part der Klimahölle: während die immens wichtigen Klimaanlagen der amerikanischen Häuser nicht funktionierten, steuerte die Stadt von einem Hitzerekord in den nächsten. Die Temperaturen der letzten Woche lagen regelmäßig über 36°, einige Tage über 40°. Höhepunkt war heute ein knapp verfehlter Rekord. Der heißeste Tag der Aufzeichnung wurde um knapp 1 1/2 Minuten verfehlt. Es wurden 42° gemessen, aber nur 90 Sekunden lang, das reichte nicht, um den Rekord zu setzen – um offiziell anerkannt zu werden, muss die Temperatur über 180 Sekunden konstant auf diesem Niveau liegen. Ohne funktionierende Klimaanlage, ohne Kühlschrank und ohne Ventilatoren war diese Hitze natürlich das schlimmste Timing für die vom Stromausfall betroffenen Menschen.

Aber irgendwie habe ich es überlebt; ab Montag soll es erstmal deutlich kühler werden und unter 30° absacken. Und Strom und Internet sind auch wieder da. Der Kühlschrank brummt, kühles Wasser und Coke Zero bringen Linderung.

Abschließen möchte ich mit einem Verweis auf einen Kommentar von Petula Dvorak in der Washington Post: A ruling class deprived of its power. Ein Artikel, der sich mit den sozialen Faktoren des Sturms auseinandersetzt: die Betroffenen waren nämlich größtenteils gutsituierte Mittelschichtsvertreter, die Gebiete vor allem vornehme suburbs.

 

Amanda hatte mich am vergangenen Wochenende nochmal zu einem Kurztrip zu ihrer Schwester eingeladen. Und da ich gerne sowas annehme, und mich auch wieder beim Autofahren nützlich machen konnte, habe ich das Angebot gerne angenommen. Im Grunde ging es immer nach Süden, einmal quer durch Virginia. Ziel war die Stadt Raleigh in North Carolina, eine beschauliche Kleinstadt mit dem Chárme von Frankfurt (Main) und der Größe von Frankfurt (Oder). Wir fuhren Freitag nach der Arbeit los und blieben bis Sonntag.

Im Grunde kann ich hier keinen langen Artikel schreiben, weil im Gegensatz zu West Virginia der Trip nicht ganz so spannend war. Grundsätzliches zu North Carolina: klimatisch und von Feeling her unterscheidet sich der Staat kaum zu Virginia und nur wenig zu DC. Alles sieht etwas heller, vielleicht auch staubiger aus, aber es gibt kaum größere Auffälligkeiten. Man kann aber einige soziale Unterschiede feststellen: die Häuser wirken ungepflegter und mehr hölzern (die typische amerikanische Leichtbauweise), man sieht sogar viele rollbare Häuser, ähnlich den deutschen Bungalows, aber halt transportabel. Das alles spricht für einen niedrigeren sozialen Standard als man ihn in der DC Area findet. Auch die Lebenserhaltungskosten waren deutlich günstiger. Benzin lag bei $3,25/Gallon, der Burger bei McDonalds kostete 69 Cents im Vergleich zu den $1,10, die man in DC bezahlt.

Am ersten Abend sind wir nach einer langen Fahrt durch die Nacht im Red Roof Inn angekommen, eine Hotelkette, die einen fürchterlichen Ruf hat, aber Hunde erlaubte, und wo das Zimmer mit zwei großen Betten für zwei Nächte $140, also $70 per Nacht kostete. Außerdem war diese Filiale nicht schlimm, alle Annehmlichkeiten, die man von einem mittel- bis unterklassigen Hotel erwartet, waren vorhanden. An dem Abend haben wir auch nichts mehr gemacht.

Am nächsten Tag ging es dann zur besagten Schwester, die mit ihrem Freund an einem 5km-Lauf, dem Ninja Run, teilnehmen wollte. Fünf Kilometer, mit 18 Hindernissen – obstacles – für die gute Sache. Ich habe ja überlegt, ob ich dran teilnehme, aber mir waren die $65 Anmeldegebühr doch zu happig, ansonsten wäre es eine schöne Sache gewesen. So standen wir am Rand und haben angefeuert und die Leute beobachtet. Die Hitze hat den Läufern und den Zuschauern zu schaffen gemacht, es waren mind. 32° C, und die Leute zum kühlen Bierstand getrieben. Das Resultat war, dass ich Fahrer für alle spielen durfte. Nach dem, für die beiden Läufer, erfolgreichen Run sind wir zum Pool gefahren, eine Institution, die hier viele Apartmentblocks haben – ein Clubhaus mit Waschmaschinen und Räumen für gemeinsame Aktivitäten mit den anderen Mietern, oft einen Fitnessraum und einen Pool, Indoor und Outdoor. Sonne braten, Abendessen, die anderen noch mehr Bier – es ist ja Wochenende.

Den Abend haben wir dann in Raleigh Downtown verbracht, erst im irischen Pub, wo bei gemütlichem Essen noch andere Freunde zu uns gestoßen sind und man den Abend in heiterer Runde begonnen hat. Dann ging es weiter ins Solas, wo man mich zwang Hemd und Anzugschuhe rauszuholen. Kein Eintritt für den Club (dafür sauteure Getränkepreise), schlechte Musik, Uniformierung (Hemd!) und nochmal: schlechte Musik (!!) machten diesen Part des Abends sehr dröge für mich. Dann hab ich angefangen, weil ich nichts besseres zu tun hatte, das Personal zu beobachten – und bin zufällig auf die lokalen Distributionskanäle für weißes Puder gestoßen. So auffällig, wie dort Drogen gehandelt werden, standen dort alle schon bereits mit einem Bein im Knast, vor allem bei den Mengen. Dort wurden Tütchen gaaaaanz unauffällig beim Handshake gewechselt, die größer und praller gefüllt waren als die Hände der Servicekraft. Ich konnte eigentlich nur kopfschüttelnd zusehen und an eine Karriere beim DEA denken. Wir haben dann noch irgendwann den Club gewechselt, aber ich kann nur betonen – die Ausgehkultur sagt mir hier so gar nicht zu. Geprägt von Sexismus und schlechter Musik, und man kann sich eigentlich nur in eine Ecke verkriechen und hoffen, dass das alles bald vorbei ist. Ist es tatsächlich auch, um 2 Uhr wurden die Bänke hochgeklappt und das Licht angestellt. Zeit für die Fahrt nach Hause, mit betrunkenen freundlichen Leuten, die alle probierten, das Navigationssystem zu belehren.

Um so schöner war das Katerfrühstück am nächsten Morgen in einem kleinen französischen Restaurant namens Coquette – Preise waren top ($15 für große Suppe und Quiche), die Mengen auch, es war unglaublich gute Küche und der Service besonders erwähnenswert: nicht nur wurde mein Hund beachtet und ihm eine Wasserschale gebracht (was bisher nie in amerikanischen Restaurants getan wurde), auch war der Service (alles authentische Franzosen mit seltsamen Bärten) so diszipliniert und ist zusammen mit dem Koch gekommen, um uns das Essen gemeinsam vorzusetzen und nicht wie sonst in Schüben. Wenn da auf einmal vier Leute um einen herumstehen, fühlt man sich gleich mehr als Gast.

Und danach ging es wieder hoch, durch den Wochenendstau und durch die unglaubliche Hitze. Es war nicht so spannend wie West Virginia und hatte stellenweise echt Durchhänger, aber trotzdem erneut interessant. Ich hab mich über das Wochenende gefreut und bin froh, mitgekommen zu sein.

 

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Ich hab das Gefühl, dass mir der Aufenthalt in Amerika die Freiheit gibt, ungeachtet von sozialem Umfeld und dringenden Aufgaben ein paar Dinge in Angriff zu nehmen, die ich nie so richtig durchziehen konnte. Dazu gehört neben vielen Büchern, die ich gerade lese, auch der ernsthafte Versuch einige Kilo’s zu verlieren.

Warum ich das möchte? Trotz stichelnder Kommentare und recht offensichtlichem fat shaming auch aus meinem Umfeld habe ich mich eigentlich selten optisch unwohl in meinem Körper gefühlt. Und das ist, von der optischen Warte her, auch immer noch der Fall. Ich brauch mich nicht für ein gesellschaftliches Ideal in Schale werfen, auch wenn es desöfteren verletztend ist, zu bemerken, dem nicht zu entsprechen. Gerade emotional zieht man schnell Verknüpfungen zu Ablehnungen im romantischen Bereich. Auf der anderen Seite rutscht einem schnell fat shaming auch in den eigenen Bewertungsmaßstab, was ich oft erst im Nachhinein kritisch reflektiert habe. Was mir aber aufgefallen ist: es gibt ganz konkrete gesundheitliche Folgen von Übergewicht. Schon recht lange habe ich oft bemerkt, wie müde ich den ganzen Tag über war und wie wenig Ausdauer ich in körperlichen Tätigkeiten, die mir eigentlich Spaß machen, bewiesen habe. Ob Konzentrationsprobleme auch dazu gehören, kann ich noch nicht beurteilen. Früher habe ich recht viel Sport getrieben, bis ca. 12 war ich beim Rettungsschwimmen, danach wechselnd beim Kampfsport. Mit dem Umzug nach Berlin habe ich dann aufgehört, weil ich andere Prioritäten hatte.

Die letzten Jahre habe ich dann eigentlich mit durchschnittlicher körperlicher Tätigkeit und viel Essen und Trinken verbracht. Ich würde sagen, ich hatte einen gesünderen Tagesablauf als der durchschnittliche 9-to-5-worker, weil ich viele kleine Strecken per Fahrrad zurückgelegt habe (bis mein Auto kam), mein Hund mich täglich mehrmals rausgetrieben hat und ich viel im Veranstaltungsbereich oder hinter’m Tresen gearbeitet habe. Dafür habe ich aber auch viel gegessen, nicht nur, aber wohl überwiegend ungesund. Ich würde sagen, seit ich nicht mehr vegan lebe, habe ich kontinuierlich zugenommen. Mein größtes Problem ist wohl, dass ich einfach viel esse. Seien es drei Burger, wo andere nach einem satt sind. Oder ein riesiges Frühstück mit Rührei, drei Brötchen, einem Baguette und entsprechendem Belag und Pancakes. Oder einfach nur konstantes Abschmecken in meiner Küchentätigkeit.

Soviel zur Vorgeschichte. Daraus resultieren für mich gerade zwei Sachen, die miteinander verbunden sind. Ich will meinen Körper auf einen gesunden BMI bringen und meine allgemeinen körperlichen Probleme durch Ausgleich in Ernährung und Sport eindämmen bzw. lösen. Vor vier Wochen habe ca. 102 kg gewogen, was einem BMI von ca. 29 entspricht. Mein Ziel sind 80 kg, was einem gesunden BMI von 23 entspricht. Das entspricht eine Gewichtsreduktion von 22kg, die ich in ca. 20-25 Wochen bewältigen möchte. Die ersten Wochen davon sind schon angelaufen. Ich wollte vorher hier nicht posten, um mich nicht nach drei Wochen zu ärgern, weil ich nicht durchgehalten habe.

Kurz zu meinem Konzept: ich mache keine große Ernährungsumstellung. Ich bin es gewohnt, in aller Regelmäßigkeit selbst mein Essen zuzubereiten und kann daher die Zusammensetzung weitestgehend durch meinen Einkauf bestimmen. Ich hab noch nie viele Süßigkeiten gegessen und auch keine große Schwäche für Chips. Immer mal wieder alles, aber nie öfter als 1-2x im Monat. Meine Problematiken lagen eher in der Menge des Essens und in den Getränken – ich hab gerne und viel Mate, Cola und andere Soft Drinks voller Zucker genossen und zwar in Mengen, die leicht 2 Liter am Tag überstiegen. Das probiere ich gerade mit Diet Coke und Coke Zero zu kompensieren, vor allem aber mit der Ansage: nur eine Dose am Tag. Außerdem esse ich einfach weniger und, um das psychologisch abzurunden und überhaupt zu ermöglichen, trage ich die Sachen fein säuberlich in die iPhone-App “ShapeUp” ein. Mein Limit ist ca. 1600 Kalorien am Tag und wenn man drauf achtet, klappt es tatsächlich, da ohne Probleme drunterzukommen. Es ist halt wirklich viel Psychologie dabei, z.B. bei Subways nur das 6-inch-Sandwich statt des footlong zu nehmen. Aber es wirkt.

Die ersten Tage hatte ich echt zu kämpfen, meinen Appetit und meinen Hunger in die neuen Kategorien reinzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass sich das ungefähr mit leichter psychischer Abhängigkeit von Betäubungsmitteln vergleichen lässt. Aber ich habe schnell realisiert, dass die Kaloriengrenze bestrafend wirkt: wenn ich zum Mittag 1000 Kalorien gegessen habe, blieb mir nicht mehr viel für andere Mahlzeiten. Das bedeutete Hunger und den wollte ich vermeiden. Darum habe ich das mehr verteilt und bin automatisch zur Ausgeglichenheit übergegangen. Und mein Hungergefühl lässt Tag für Tag nach, ohne dass ich mich nur von Salat und Fatfree-Produkten ernähern muss. Abgesehen von den Getränken tue ich das auch tatsächlich kaum.

Die zweite Ebene ist Ausdauer- und etwas Kraftsport. Ich habe einfach mal wieder angefangen zu laufen und das in einer Regelmäßigkeit, die mich selbst erstaunt. Ich bin konstant die letzten Wochen alle 2-3 Tage laufen gegangen, dabei getrackt von der iPhone-App “runtastic“, und hab mich von 2.9 auf 5.5 Kilometer und von 17 auf 33 Minuten gesteigert. Und ich muss sagen: ich fühle mich großartig. Nach dem Laufen lege ich noch eine Sit-und-Push-Up-Runde ein, mit einigen Variationen. Danach ist der Tag für mich durch. Aber auch hier: das hat auch psychische Effekte. Der Stolz, seine Ziele zu erreichen, die Fitness, die man im Alltag bemerkt. Die Belohnung, die man sich selbst versprochen hat. Aktuell waren das für mich Laufschuhe, die ich mir selbst für den Monatsanfang versprochen habe und heute gekauft habe – neue New Balance Treter, vorher ein Kurztest im Schuhladen, um herauszufinden wie ich laufen. Ergebnis: neutral, mit ein ganz wenig Innendrall. Darum auch neutral shoes, die New Balance M990GL3. In vier Wochen und mit 7.5 km Trainingstrecke und/oder 60 Minuten Lauflänge spendiere ich mir eine Pulsuhr. So halte ich mich motiviert.

 

Wie gesagt, das alles zeigt Wirkung. Am 10. Juni werde ich das erste Mal schauen, ob es sich auch gewichtsmäßig auswirkt, aber da meine Sachen alle etwas schlackern, denke ich schon. Aber was mein allgemeines Gesundheitsempfinden angeht: ich fühle mich deutlich, deutlich fitter, komme besser durch den Tag und bewältige auch große Herausforderungen wie die Bergbesteigung in West Virginia. Das ist irgendwie schon cool. Ich hoffe, dass es sich auch auf die Konzentration gut auswirkt, dann hab ich nämlich ein guten Push für meine Examensvorbereitungen. Auf jeden Fall glaube ich, dass deutlich anders nach Deutschland zurückkommen werde als mich mein Umfeld in Erinnerung hatte.

 

Das vergangene Wochenende war hier in den USA nationaler Feiertag und quasi der Startschuss für den Sommer. Das memorial day weekend, einem Wochenende, dem sich der Gedenktag der gefallenen amerikanischen Soldaten anschloss, lud tausende Familie ins Grüne ein. Eine Freundin aus Virginia, Amanda, nahm mich mit zu ihrer Familie: es ging nach West Virginia. Der Bundesstaat West Virginia, der sich im Bürgerkrieg zum Vorteil der Nordstaaten von Virginia abspaltete, ist vergleichbar mit der deutschen Harzregion: die Bevölkerung ist überwiegend (ca. 95%) weiß, der Bundesstaat ist der zweitärmste Staat in den USA, die Landschaft wird durch malerische Gebirge beherrscht. Früher lief hier viel über Bergbau, wenig von den Profiten verblieb allerdings im Staat und bei den Arbeitern. Heutzutage ist es eine typisch strukturschwache Region, die vom Tourismus lebt, den die Nationalparks anziehen, und von geringfügiger Berglandwirtschaft, wie Rind- und Pferdezucht. Der Bundesstaat wird gerade republikanisch geleitet, ist aber ein unsicherer Kandidat in Wahlen: einerseits sind die Bergarbeiterfamilien von sozialen wirtschaftlichen Konzepten überzeugt, auf der anderen Seite stark wertkonservativ, geleitet von vielen Unterarten der protestantischen Glaubensgemeinde.

Wir haben uns am Samstag in Woodbrigde getroffen, um uns zur Abfahrt bereit zu machen. Drei Menschen, drei Hunde und ein großer Jeep Commander. Während Bailey, ein brauner Labrador, und Carlos, mein Husky-Schäferhund-Mix, sich unter viel Gezanke den Platz im Kofferraum teilten, durfte Cooper, eine weiße, zottlige sogenannte Trethupe, es sich vorne auf dem Schoß der Besitzerin bequem machen. Ohne große Probleme fuhren wir dann die vier Stunden bis nach Parsons, einer Kleinstadt in Tucker County, über die langen Routes, die ähnlich den deutschen Bundesstraßen sind. Wenig Verkehr und eine sich immer mehr ins Bergische verändernde Landschaft hielten mich wach. Immer wieder erstaunlich ist, dass, obwohl Amerika immer so riesig erscheint, die Autofahrten immer sehr kurz zu sein scheinen. Auf der Karte sieht die Strecke wie eine Durchquerung von Europa aus, realistisch ist es aber die Autofahrt von Berlin nach Thüringen.

In Parsons legten wir erstmal einen kleinen Mittagsstop ein, bevor wir zu der cabin, einer kleinen Blockhütte mitten im Wald, weiterfuhren. Schon hier merkte man den Unterschied zum Stadtleben: eine gemütliche Matrone kam, um unsere Bestellung aufzunehmen, nachdem das Restaurant extra für uns erst geöffnet wurde. An dem kleinen Bach vor der Terasse saßen Kinder und Großeltern und malten in ruhiger Atmosphäre. Sie waren nach eigenen Angaben schon fünf Stunden da, und die Bilder sahen handwerklich gut aus, auch wenn die Szenerie recht austauschbar wirkte. Auch die Speisekarte verriet, dass wir nur wenige Meter von der Wildnis entfernt waren, bestand sie doch hauptsächlich aus Wildgerichten und klangvollen Namen wie die black bear pizza. Wo wir gerade bei Wildnis sind, nach der Mittagspause bereiteten wir uns emotional darauf vor, welche Gefahren uns erwarten würden. In den ruhigen Gewässern lauern hochgiftige Wasserschlangen, und auch an Land könnte man auf Klapperschlangen und ähnliches Getier treffen. Bienen, Wespen, Hornissen und Ameisen sind im Allgemeinen größer und aggressiver als in Europa. Und dann die großen Tiere: allen voran ist der black bear, der auch mal braun sein kann. Wichtigste Info dabei: nicht auf Bäume klettern! Alles, was man über Grizzleys gelesen hat, muss man da vergessen. Die Schwarzbären können nämlich auch klettern und würden einem flüchtenden Kletterer einen kurzen Prozess machen. Vielmehr stehenbleiben und laute Geräusche machen und sich so groß wie möglich aufplustern, ohne in eine tatsächliche Angriffsbewegung zu verfallen. Ach ja, und hoffen, dass keine Jungtiere dabei sind, dann hilft nämlich alles nichts mehr. Der größte Feind für Mensch und Hund allerdings lauert im Gras: deer ticks sind böse Zecken, die oft lyme disease übertragen, was tödlich für beide wirken kann.

Die letzten Meter unser Reise haben wir dann im Allradantrieb zurückgelegt, für mich das erste Mal, dass es gerechtigfertigt war, einen SUV-Jeep zu besitzen. Anders wäre man tatsächlich nicht den Berg hochgekommen. Die Hütte selbst war ein kleines Paradies. Keller, Erdgeschoss, Obergeschoss, komplett aus Holz mit 4 Schlafzimmern, Wohnzimmer inkl. Küche, Bad und Vorratskeller – das würde einer Familie auch mal als Erstwohnsitz reichen. Dabei aber kein großer Luxus, sondern einfach nur Geräumigkeit, aber natürlich trotzdem eine ganze andere Liga als der Brandenburger Ferienbungalow, den ich gewohnt bin. Die Hütte umgab ein großes Grundstück mit frisch gemähtem Rasen und einer alten, großen Scheune in und vor der 9-10 alte amerikanische Autos standen. Ein Paradies für einen Autoliebhaber, der feuchte Hände beim Gedanken an die Restauration der im Grunde nur zugestaubten Straßenschlitten und Nutzfahrzeuge aus allen Epochen, angefangen bei den ’30ern, bekommen würde. Als ich dort ankam, gelang es mir, auch dank fehlender Handyverbindung, Berlin, Deutschland, Freunde und verlorene Freundschaften, eigentlich alles, was mich bis hierher verfolgt hatte, komplett zu vergessen. Ich wurde von der schon anwesenden Familie herzlich empfangen und man freute sich über die helfende Hand und interessante Einblicke in die europäische Welt. Der kleine Sohn, der unablässig redete, freute sich über die Hunde, aber nochmehr über neue Menschen, denen er alle Möglichen wichtigen und unwichtigen Fakten auf die Nase binden und mit Fragen über Gott und die Welt, literally, löchern konnte.