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Nachdem der Chaos Communication Congress schon in den letzten Jahren immer wieder in feministischer und anti-sexistischer Kritik stand, entzündet sich am 30C3 der Konflikt schon durch die Auswahl von Julian Assange als Speaker im Vorfeld. Zusammen mit Jacob Applebaum wird Julian Assange über eine Liveschaltung auf dem Kongress einen Vortrag halten. Einen unter vielen, als ein Vortragender unter vielen. Mit exponierterer, aber nicht zentraler Position. Die Debatte darum, ob man mit Assange einem Vergewaltiger die Bühne geben dürfe, wird dabei in aller Härte und mit festgefahrenen Fronten geführt. Dabei wurde eine feministische Perspektive schon ausreichend, zum Teil unter expliziter Aufarbeitung der Vergewaltigungshandlungen durch Assange, erläutert. Assange als Speaker auf die Bühne zu schalten ist ein Affront gegen feministische und kritische Teilnehmer_innen, es ist eine klare Positionierung in dem Diskurs um sexistische Hegemonie auf dem Kongress (nämlich eine, die diese Hegemonie stützt) und damit ist der Vortragende unter den Vortragenden ein Politikum.

Schon unter diesen Gesichtspunkten ist klar, wie tief und erbittert der Diskurs geführt wird – und wie weit er symbolhaft für eine Fragmentierung und Ausdifferenzierung einer Hacker_innen-Bewegung mit emanzipatorischem Anspruch ist. Gleichzeitig kratzt es nur an der Oberfläche eines viel tiefgreifenderen Diskurses, der aber aufzeigt, dass die Speakerposition von Assange nur logische Folge einer Bewegungsausrichtung ist, die bisher weitestgehend kritiklos im Raum stand.

Cui Bono?

Die Kritik an Assange lässt in meinen Augen aber auch eine wichtige, sehr grundsätzlich Frage vermissen: cui bono? Auffällig ist nämlich, dass Assange nicht eine spannenden Vortrag über „The Rise And Fall Of Wikileaks“ hält, oder ähnlich szeneimmanente bedeutende Vorträge. Sein Vortrag heißt schlicht: „Sysadmins of the world, unite!„, die Ankünding verliert sich in Allgemeinplätzen wie „We must realize the power and responsibility we hold for the great structural problems of our time.“ – ahja. Und das ist ein Punkt, der besonders schmerzt. In der Abwägung zwischen „Assanges Auftritt verletzt Menschen und führt dazu, dass sie nicht am Kongress teilnehmen“ und „Da ist eine große öffentliche Bedeutung in seinem Vortrag“ scheint man nach sehr seltsamen Kriterien vorzugehen, weil das Vortragsthema ein beliebiges und zahnloses ist.

Die Bühne, die man Assange gegeben hat, leidet enorm unter der Belanglosigkeit der lecture. Wo viele Menschen sicher weniger Bauchschmerzen haben würden, wäre eine kritische Auseinandersetzung damit, was Wikileaks und der kleine, elitäre Kreis darum eigentlich ist, und mit welcher Legitimation und Unterstützung sie so handeln, wie sie es tun. Die Frage danach, warum die USA als Primärziel im Raum stehen, der globale Norden als Sekundärziel und autoritäre Regierungen als Verbündete von Wikileaks gefeiert werden? Warum man Verschwörungstheoretiker_innen diese Macht gibt? Ein Podium darüber, welche grundsätzliche Bedeutung Wikileaks hatte, und gleichzeitig, wo sie grundsätzlich gescheitert sind. Ein Podium darüber, warum die Organisationsstruktur sich für die politische Rechtfertigung von Assange, sich den Vergewaltigungsvorwürfen zu entziehen, benutzen lässt, und Kritiker_innen oder als „Verräter_innen“ abgestempelte Menschen öffentlich (über Twitter & Co.) angreift. Warum Wikileaks, statt an der globalen politischen Bedeutung zu wachsen, eine starke und selbstbewusste Hacker_innen-Bewegung auf lange Zeit nachhaltig beschädigt hat. Hätte sich Assange so einem Podium stellen müssen, wäre die Bereitschaft sicherlich größer gewesen, ihm diesen hinterfragenden Platz einzuräumen.

Was aber bei vielen die bohrende Frage ist: warum gibt man dem Vergewaltiger Assange ein Podium – und dann noch für belanglosen Nonsens? Durch diese krampfhafte Banalität wird der Eindruck erweckt, Assange wäre ein normaler Teil einer Community, die mit sich selbst im Reinen ist. Die forcierte subkulturelle, aber nichtsdestotrotz gesellschaftlich relevante Rehabilitation ist ein Ausdruck der „Rape Culture“. Die Bestätigung des eingereichten Vortrages scheint eine in Kauf genommenen Eskalation zu sein, die im Vorfeld auch schon die Spreu vom Weizen trennt: wer wegen Assange keinen Bock mehr auf den Kongress hat, wird auch nicht da sein, um das allgemeine antifeministische und antiemanzipatorische Grundrauschen zu kritisieren. Die Normalisierung und Normierung des Kongresses über einen Proxykonflikt. Darauf einzusteigen ist verständlich, muss aber differenziert reflektiert werden: möchte man noch Richtungsänderungen erreichen oder nur die Beans skandalisieren? Darum sollte auch in einer feministisch-solidarischen Strömung thematisiert werden, warum hier gerade nur Assange Thema ist, oder ob man die Kritik nicht breiter fassen sollte.

Hero Culture

Die öffentliche Reaktion des CCC-Spitzenpersonal ist Abschottung. Anstatt sich dem Diskurs zu stellen, wird Assange banal als „hero“ verklärt. Ein bisschen, wie man als 15-jährigens Kid sich nicht den linken „Helden“ Che Guevara durch die Debatte um seine Kriegsverbrechen, zu denen auch Vergewaltigungen gehörten, kaputt machen lassen wollte. Aus Trotz hat man das T-Shirt auch zur nächsten Demo angezogen, bevor man drüber nachgedacht hat. Aber hier sind erwachsene Leute am Werk, die gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitbestimmen. Wenn die solche Trotzreaktionen bringen, dann ist das nicht entschuldbar, sondern einfach nur gefährlich. Einen Personenkult um Menschen zu fahren, die Vertreter_innen ihrer Strukturen im Rampenlicht waren, verschließt den Blick auf Diskursgegenstände, die wir uns dringend vornehmen müssen, nämlich eine strukturorientierte netzrevoltierende Arbeit.

Und eigentlich war der CCC da lange für mich ein Vorbild. Es gibt zwar Führungspersonal, aber die Hierarchien stellten sich nach Außen deutlich flacher als in anderen gesellschaftlichen Kontexten dar. Mit Kurz, Rieger und – als Shooting Star – Fefe gibt es zwar eine kontiniuierliche Vermittlungsschicht, aber sie werden flankiert von Expert_innen in den jeweiligen Unterthemen, denen bereitwillig auch der Platz und das Podium zum Reden gegeben wird. Und warum sollten wir Kurz und Rieger als Held_innen bezeichen? Wenn wir anfangen, uns unsere „hero“-Kultur jetzt selbst zu stricken, machen wir Identifikationspotential an Personen fest und nicht an politischen und gesellschaftlichen Ideen. Eine Bewegung, die sich auf Ideal-Identifikation anstatt auf identitärem Gestus beruft, ist eine nachhaltigere, weil mit den personellen Brüchen nicht gleich der gesellschaftliche Drive verlorengeht – und man sich nebenbei nicht in der Zwickmühle befindet, einen Vergewaltiger für seine gesellschaftliche Leistung zu loben.

Aber dann bleibt noch die Frage, warum eine Organisation einer emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Veranstaltung überhaupt jemanden wie Assange die Bühne gibt. Die Antwort ist einfach: der 30C3 ist keine emanzipatorische Veranstaltung, genauso wie die geselllschaftskritische Komponente eine staatstragende, reformistische ist. Der ehrwürdige Chor, der „Zensur! Meinungsfreiheit! Rechtsstaat!“ singt, hat da seine Jahreshauptversammlung. Assange ist die Garantie dafür, dass der Kongress in den Medien landet und einen gesamtgesellschaftlich bekannten Namen präsentieren kann. Er ist nur die logische Konsequenz dessen, was der Chaos Computer Club seit Jahren als Strategie verfolgt.

Säulen des gesellschaftlichen Einflusses

Wenn man sich die strategische Positionierung des CCC anschaut, dann sieht man eine Strategie des „Maximal Impact“ auf drei Säulen. Die erste Säule ist: das Bundesverfassungsgericht. Unter dem höchsten juristischen Korrektiv geht nichts mehr. Um abseits vom Parlamentarismus einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Einfluss zu haben, sucht man den Schulterschluss mit der Judikative, und gibt sich bereitwillig als Sachverständige her. Anders als in den Anhörungen des Bundestages erlangt der Club hier auch seine Bestätigung und stilisiert in Folge aus Dankbarkeit dafür, dass ihnen mal jemand zuhört, das Bundesverfassungsgericht als das letzte demokratische Bollwerk der Bundesrepublik hoch. Für das demokratische Verständnis, dass durch den Club an die Fanbase vermittelt wird, übrigens ein totales Problem, ist es doch ein Schulterschluss zwischen acht juristischen Granden und der Expertise der Sachverständigen – ein Hoch auf eine technokratische Gesellschaft, ne?

Die zweite Säule ist die FAZ. Die enge Verbindung zwischen Rieger, Fefe und Schirrmacher ist offen einsehbar, die Medienarbeit und die großen Würfe fanden über diese auflagenstarke Publikation statt. Die FAZ ist ohne Zweifel das Blatt, dass von den Entscheider_innen der Nation am ehsten gelesen wird, der CCC erreicht damit die gesellschaftliche Führungsriege. Anstatt die eigene Avantgarde über die ihnen eigenen Kanäle zu bestätigen, werden die großen Skandale in das Herz der Bestie getragen. Eigentlich ein lobenswerter Gedanke, er reiht sich aber ein in eine Strategie der maximalen gesellschaftlichen Wirkung.

Die dritte Säule ist der geöffnete Kongress. Es war in den letzten Jahren absehbar, dass der Kongress keine Szene-Veranstaltung mehr ist, sondern eine breite Resonanz erfährt – sehr gut spiegelte sich das an den schnell ausgebuchten Tickets wieder. Der „Fusion“-Effekt – der Ausverkauf nach wenigen Sekunden – führte zu dem Richtungsentscheid, dem Kongress mehr Raum zu geben oder ihn zu regulieren (z.B. eine „member and a friend“-policy).  Man entschied sich durch den Umzug nach Hamburg für die Öffnung. Mehr Platz, keine Besucher_innen-Begrenzung mehr. Die ganzen Regierungsvertreter_innen, Lobbyist_innen und Konzernstrateg_innen konnten wieder rein, trugen nicht wenig zur Refinanzierung bei und transportierten die Ideen der Avantgarde in die Institutionen, in den Gesellschaft produziert wird. Maximaler und kurzfristiger gesellschaftlicher Einfluss wird auch durch den Kongress bestimmt. Und damit die dritte Säule auch ihren Status in der zunehmenden Konkurrenzssituation (re.publica? OHM? etc.) hält, braucht man halt die großen Namen. Mit Assange bestätigt man gegenüber denjeniegen, die als Vermittler_innen zwischen Avantgarde und Institutionen dienen, den Führungsanspruch als wichtigste und einflussreichste Hacker_innen-Konferenz in Deutschland und Europa.

… und nun?

Das ist die Debatte, der sich eine Hacker_innen- und Netzbewegung mit emanzipatorischem Anspruch stellen muss. Wollen wir, dass wir nur technokratische Stichwortgeber_innen im gesellschaftlichen Diskurs sind, oder sollten wir nicht lieber daran arbeiten, dass wir eine kohärente und nachhaltige gesellschaftliche Alternative unter Ausnutzung technischer Errungenschaften (und unter Kritik derselben) erschaffen? Die Politik des CCC formuliert in den allerseltensten Fällen die Kritik am bürgerlichen Staat an sich, vielmehr ist der reformistiche Charakter einer, der nachhaltig die Herrschaftsformen der bürgerlichen Gesellschaft stützt. Schon die Analysekategorie scheint überhaupt nicht präsent zu sein. Für mein Verständnis wäre es nachhaltiger, sich tatsächlich kreierend betätigen, anstatt reformistisch die bürgerliche Gesellschaft für ein angenehmeres Klima zu bearbeiten.

Was hat das noch mit Assange zu tun? Assange ist nur das Symbol, an dem diese Richtungsentscheidung der Bewegung sich messen lassen muss. Wikileaks ist das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen kann in einer emanzipativen Bewegung (auch, aber nicht ausschließlich, weil ein Vergewaltiger als Held mit dunklen Seiten gefeiert wird), wie sich kein gleichberechtiges Organisationsmodell mit globaler Adaptivität entwickeln lassen kann. Und Assange zeigt, dass wir uns um diesen Konflikt weitgehend drücken und einer Strömung in der Bewegung die Deutungshoheit darüber überlassen, was dem Weg zum gesellschaftlichen Einfluss nützt und was nur davon ablenken würde. Wir sind hier in einer – nicht ausgesprochenen – Debatte um den Haupt- und Nebenkonflikt.

Der erste Schritt – und hier ist noch Zeit zum Korrektiv  – muss sein, sich dieser Debatte zu stellen. Konkret an Wikileaks, Konkret an der Richtungsentscheidung des CCC und abstrakt an der Vorstellung, was wir als Bewegung und als Aktivist_innen eigentlich wollen. Dieser erste Schritt eröffnet den Diskurs und schafft den Raum. Und diesen Raum, den müssen wir uns nehmen.

 

Klirrende Kälte empfängt einen frühmorgens um 8 Uhr an einem Sonntag in Berlin im Dezember. Der erste Advent legt sich noch als schläferige Kollektivverweigerung über die Stadt. Der Hund streckt sich und gähnt, als ich die Tür zur Geschäftsstelle in der Pflugstraße öffne.

Ich bin kein Mitglied der Piraten. Jedenfalls nicht dass ich es wüsste, ich bekomme trotzdem immer Zahlungsaufforderungen per Mail. Verwirrend. Ich war es aber mal, vor langer Zeit, in Brandenburg. Idealismus, Vertrauen in die Parteiendemokratie, Jugendlichkeit, Netzszene. Der Umzug nach Berlin, bunte politische Biografie, die ich irgendwann mal in all ihren Widersprüchen zusammenfassen sollte, damit Menschen mich verstehen. Ich habe glaube ich schon mal bei allem links der CDU reingeschaut und mich drüber aufgeregt.

Mein Blick ist irgendwo zwischen interner Beobachter und externer Fan. Meine tieferen Einsichten beschränken sich auf die Berliner Ebene und auf Sachen, die tagtäglich durch meine Twitter-Timeline rollen. Ich arbeite nahe an den Piraten, aber nicht in der Partei.

Deswegen war ich am Wochenende auch in Berlin und nicht in Bremen. Trotzdem, ich wollte – auch um meinen Job vernünftig zu machen – mir den Parteitag aus sicherer Entfernung anschauen. Zusammen mit Gero habe ich mich darum gekümmert, dass Interessierte sich gemeinsam den Stream anschauen konnten – eine sehr angenehme Sache, das Angebot haben dann auch einige Personen wahrgenommen.

Ausgestattet mit viel Essen und noch mehr Getränken, Beamer und einem Livekommentar von Gero, der mir das Who-ist-Who der Partei erklärte, verfolgten wir also seit Samstag den Bundesparteitag.

Chaos – im Guten wie im Schlechten

Die Vorstellung praktischer direkter Demokratie ist immer noch bestechend. Jeder kann einfach zum Bundesparteitag fahren und mitbestimmen. Direkte Demokratie, keine Machtriege, der Schwarm, geil! Die Ernüchterung verbleibt, wenn man sieht, welche chaotischen Zustände das mitunter auslöst. Fast alle Zeitungen berichten spöttisch über Geschäftsordnungs- und Tagesordnungsschlachten, die die Versammlung bestimmten. Was vor einigen Jahren sympathisch war – und auch heute noch sein kann – kann einer Partei, die sich in einem gefühlten Allzeittief befindet, das Genick brechen.

So verblieb auch der Eindruck: die Leitung der Versammlung schwankte zwischen Professionalität und dem verzweifelten Versuch, Produktivität aus dem Parteitag herauszukitzeln – rechtlich nicht immer einwandfrei. Zumindest blieben Fragen offen. Chaos mit Chaos zu beantworten verschenkte hier Potential. Man kann der Versammlungsleitung zu Gute halten, dass sie es zumindest geschafft hat, den Vorstand einigermaßen zu besetzen – was den Anwesenden aber zu denken geben sollte. Die verwirrenden und schlecht vorbereiteten Wahlverfahrensversuche trugen nur zur Verschlimmerung der Situation bei.

Zwischen Professionalisierung und Dilettantismus glitzerten immer wieder einzelne Punkte hervor. Beispielhaft, an dem Punkt, wo durch eine schlechte Übersetzung die Rede der schwedischen Piraten-Vertreterin zu einer Farce verkam. Dabei war es respektabel, dass sich jemand darum kümmern wollte, und das Engagment ist der Person anzurechnen.  Aber warum gibt es für diesen geplanten Auftritt keine Vorbereitung? Das Redemanuskript lag ja anscheinend vor.

In dem Ablauf merkt man auch, wie sich bestimmte Prozesse aus dem Netz in den zeitlich und räumlich eng abgegrenzten Raum des Parteitages übertragen: die Empörungskultur, die den kurzen Kick des „Ich-hab-auch-mal-was-zu-sagen“ über den Erfolg einer konstanten und tiefen Debatte stellt, ist davon wohl das Unangenehmste.  Dieser Debattenform sollte in Zukunft intensiv entgegengewirkt werden.

Tagesordnung from Hell

Im Vorfeld zum Parteitag gab es einige Punkte, die einer Debatte auf dem Parteitag bedurften. Dazu zählten:

  • Innerparteiliche Quotenregelungen
  • Die Europa-Wahl und die Vorschläge zu einem Europawahlprogramm
  • Innerparteiliche Willensbildungsprozesse

Diese drei – sicherlich sehr subjektiven Punkte – hätten, wäre es zu einer ordentlichen Debatte gekommen, ein Befreiungsschlag für die zerstrittenen Gruppen in der Partei sein können. Der Befreiungsschlag blieb aus.

Die Ausgestaltung als Wahl-Parteitag führte dazu, dass – immer wieder mit der Begründung, die Partei bräuchte populäre Köpfe, die Programmpunkte vermittelten – sich nur auf die Vorstandswahlen konzentriert wurde. Dabei war im Vorfeld absehbar, dass diese populären Köpfe gar nicht erst zur Wahl antreten würden. Die Konzentration darauf mag auf einer richtigen Fehleranalyse beruhen, sie hat aber auf diesem Parteitag keinen Mehrwert in Form einer stabilen und kraftvollen Umstruktierung des Vorstandes gebracht. Die Menschen, die jetzt an der Spitze der Partei stehen, müssen sich selbst erst einmal aufbauen und auf der Bundesebene positionieren. Kein leichter Job, zumal mit der Entscheidung, das Führungspersonal der Partei weiterhin nicht zu bezahlen – außer dort, wo ansonsten die Person auf Sozialleistungen angewiesen wäre – auch für die Zukunft keine Perspektiven professioneller dauerhafter Arbeit jenseits von Burn-Out eröffnet und populäre Vertreter_innen der Partei mit ihrem Bedürfnis nach gerechter Bezahlung alleine lässt. „Mit dem BGE wäre das alles besser“, bekommt man da zu hören. Stimmt. Aber auch im Kommunismus wäre alles besser. Und wir haben weder BGE noch Kommunismus, so deal with it.

Einer der wenigen Lichtblicke der Veranstaltung war im Übrigen die Reaktion auf den „In der Partei herrscht KRÖÖÖÖG!“-Kandidaten, der verdientermaßen ein Meer von „Zeige Respekt“-Karten für seine NPD-Parteitagsrede bekommen hat. Das hat mir gezeigt, dass die Partei Selbstreinigungskräfte hat und zu klaren Bekenntnissen fähig ist – die müssen nur stärker nach Außen vertreten werden.

Ein Europa der Quoten

Die im Vorfeld heiß geführte Quotendebatte ist aus meiner Perspektive ein Symptom einer intensiv geführten Diskussion zwischen einem links-emanzipatorischem Teil der Piraten und einem bürgerlich-liberalen. Ich habe schon früher darauf verwiesen, dass ich einen sehr linken Kurs für diese Partei für einen guten und richtigen Kurs halte, deswegen wird meine Analyse nicht sehr überraschen: mit der Vertagung der Debatte um die Symptome wurde gleichzeitig auch der Diskurs um die grundsätzliche Ausrichtung der Partei vertagt, und auch darüber, wie man die Gruppen untereinander versöhnen und zur Zusammenarbeit bringen kann. Das wird – und das ist den Piraten zu Gute zu halten – gerade nicht über einen Vorstand passieren, sondern nur über die knallharte inhaltliche Debatte und über die Abstimmung durch die Basis. Aber diese Chance wurde ungenutzt gelassen. Dass der Vorstand zur Hälfte mit Frauen besetzt ist, feiern  die Quoten-Gegner_innen als Bestätigung ihrer Position.  Ausgeblendet wird, dass sowohl die Posten des Vorsitzenden und des Politischem Geschäftsführers weiterhin von Männern besetzt werden. Männer dominieren also die Spitzenpositionen der Piraten. Das wird konsequenterweise dann auch von Außen so wahrgenommen.  Teil des Problemes, für das Quoten eine Lösung bringen können, sind fehlende weibliche Kandidaturen. Die Orientierung an anderen Parteien, die mit Quoten und Doppelspitzen Werkzeuge einer emanzipatorischen Parteiführung entwickelt haben, blieb aus. Dabei können gerade Doppelspitzen auch eine Politik der Einigung zwischen parteiinternen Konflikten herbeiführen.

Und dann ist das noch das Ding mit der Europawahl. Der Kater nach der Bundestagswahl scheint große Teile der Partei gelähmt und in Schockstarre hinterlassen zu haben. Zwei Komma X Prozent, das würde auch nicht für Plätze im Europaparlament reichen. Da braucht es also eine organisatorische Neuaufstellung, flankiert durch eine konsequente Vermittlung von relevanten Inhalten im Rahmen einer starken Personaldecke. Relevante Inhalte sind aus meiner – subjektiven – Perspektive: Kritik an der Re-Nationalisierung der europäischen Staaten, dem Einstehen für ein solidarisches Europa nach Innen und nach Außen, daraus folgend ein Ende der „Macht-durch-Schulden“-Politik und eine menschenwürdige Asylpolitik durch Abriss der Festung Europa. Am Ende des Parteitages war aber eher der Eindruck: „Aus Zeitgründen müssen die Piraten ihre Teilnahme an den Wahlkampfvorbereitungen leider absagen. Bitte ziehen Sie über Start und ziehen Sie keine 4000€ ein.“

Die Katerstimmung überschattet also die produktiven Chancen der Partei. Das Chaos während des Parteitages erstickt jedes Aufbegehren enagierter Arbeit. Die Konsolidierungsphase der Partei wird sich weit über das Jahr 2014 erstrecken. Eine langfristigere Planung – vielleicht sogar die ehrliche Nicht-Teilnahme an der EU-Wahl – scheint mir die einzige realistische Perspektive zu sein.

Im Maschinenraum 

Dazu kommt eine erbitterte Tool-Belt-Diskussion. Mit Liquid Feedback, Basisentscheid Online, Ständige Mitgliederversammlung und Dezentralen Parteitagen sind zahlreiche Möglichkeiten der Teilhabe der Basis an der Parteiarbeit in Produktion. Dem stehen rechtliche Bedenken, Konkurrenzen und persönliche Animositäten entgegen. Die Piraten brauchen nur in wenigen Punkten eine starke Führung. In dieser organisatorischen Sache scheint sie angebracht. Hier muss vermittelt und mit Hochdruck entwickelt werden. Denn wo diese Debatte einerseits einer der schlimmsten Spaltungsfaktoren innerhalb der Basis ist, so ist sie doch gleichzeitig eine der wichtigsten Perspektiven, die Partei zu professionalisieren und gleichzeitig den Idealismus einer Teilhabe-Partei in die bittere Parteienrealität zu transformieren. Mit kompetenten Entwickler_innen, Berater_innen und Jurist_innen sollte sich ein schlagkräftiges Team aus den einzelnen Fraktionen bilden, das an einer funktionierenden Einigung arbeitet.

Und dann kann man auch die Debatte um das Chaos führen. Delegiertensysteme auf den Parteitagen scheinen dann reizvoller und machbarer, wenn die Basis weiterhin machtvolle Möglichkeiten erhält, sich über Stimmungsbilder und direkten Delegationen (die on-the-fly entziehbar wären), einzubringen. Oder wenn zentrale Richtungsentscheidungen schon im Vorfeld oder im Zwischenfeld von Parteitagen getroffen wären.

Führungsfrust

Und während die Partei vor diesen Aufgaben steht, die viel Arbeit erfordert, aber kurzfristig kaum Früchte tragen wird, steht der Vorstand vor der Mammutaufgabe, genau diese Umstände erstmal zu reflektieren, Konsequenzen zu ziehen, Potentiale zu analysieren und damit Wahlen vorzubereiten. Parteifinanzierung wird bei gefrusteten Mitgliedern ohne wirkliche Zahlungspflicht ein wichtiger Nebenschauplatz bleiben. Kommunikation von Alleinstellungsmerkmalen – wie zum Beispiel einer schon seit einiger Zeit richtungsweisenden Asylpolitik – muss erfolgen, „while its fresh and juicy.“ Andere Parteien übernehmen ständig im Copy-and-Paste-Verfahren die Inhalte der Piraten. Fahrscheinfreier ÖPNV? Solidarische Asylpolitik? NSA- und Whistleblower-Debatte? Es scheint, als wären die Piraten eine gefahrlose Avantgarde, die für linke Parteien als ausgelagerte Inhaltsproduzentin genutzt wird. Deswegen muss der Zeitvorteil genutzt werden: Pressearbeit aufbauen, professionalisieren und nicht in idiotischen Attacken verkommen lassen.

… und der nächste folgt sogleich

Der nächste Parteitag ist nur einen Monat entfernt. Er bietet Chancen, die Fehler des unbefriedigenden Bundesparteitags 2013.2 zu korrigieren. Das Korrektiv muss dabei ganz klar auf eine dauerhafte und stabile Veränderung ausgerichtet sein, die die Basisstürme überlebt und auf Jahre einen festen, strategischen Kurs setzen kann. Die Chance der Stabilität wurde im Übrigen durch das nicht gewährte Vorstandsgehalt deutlich geschmälert. Wer gute und intensive Arbeit leisten soll, sollte das auch in der bürgerlichen Gesellschaft vergütet bekommen. Es ist – Arbeit!

Meine Empfehlung verbleibt immer noch: die inhaltlichen und organisatorischen Debatten sollten zentralisierter – d.h. über ein Publikationsorgan mit möglichst parteiweiter Reichweite – und tiefgründiger geführt werden. Es braucht parteinahe, aber unabhängige Think Tanks, die Kompetenz und Strategie mit ideologischer Grundlagensuche verbinden.

Nutzt die Chance, liebe Piraten, die Relevanz und der Erfolg kommt dann von allein. Und seid vor allem eins: geduldig.

 

 

Deportationsmahnmal S-Bhf. Westhafen / Berlin. Fotograf: plomlompom.

Der gestrige Tag war im Gedenken an den 9. November 1938 geprägt. In den Novemberporgromen wurden durch die Mehrheitsgesellschaft über 1400 Synagogen zerstört, dazu viele Jüd_innen ermordet, verschleppt und in KZ verbracht. Das Dritte Reich läutete damit den Auftakt zur sytematischen Vernichtung jüdischer Menschen ein. In einer beeindruckenden und bewegenden Gedenkveranstaltung gedachte man in der Jüdischen Gemeinde Berlin den Ereignissen, zusammen mit Holocaust-Überlebenden, Gemeindemitgliedern und politischen Würderträger_innen.

75 Jahre danach. Und nichts ist überwunden. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Dr. Gideon Joffe, bemerkte ganz richtig: es ist leicht zu sagen, der mörderische Antisemitismus ist ablehenswert. Ich bin dagegen, dass Synagogen brennen. Ich bin dagegen, dass Jüd_innen vergast werden. Ich bin dagegen, dass auf offener Straße Jüd_innen erschlagen werden. Aber. – Und dieses „Aber“ ist der zeitgenössische Antisemitismus. Israelkritik von „Links“. Die Verteufelung der Beschneidungspraxis – ein zentraler Bestandteil jüdischer Idenität. Rechte Verschwörungstheorien. Das Schimpfwort „Jude“ auf den Schulhöfen. Gesellschaftlicher Antisemitismus ist nicht überwunden. Jüd_innen fühlen sich – wohl leider zurecht – von den antisemitisischen Ausprägungen in der Gesellschaft bedroht.

Wir saßen da, wir nickten. Intellektuell ist das zu begreifen, wir begreifen uns als solidarisch, wir fühlen uns in die Pflicht genommen. Danach schütteln wir Hände, erkundigen uns nach dem Wohlbefinden. Diejenigen von uns, die politische Ämter wahrnehmen, erweitern ihre Netzwerke. Stehen in der ersten oder zweiten Reihe für die Fotos. Demonstrieren ihr intellektuelles Verständnis nach Außen. Danach: gepflegt Essen gehen, den Alltag wieder einkehren lassen. Gedenken für uns in zwei Stunden. Nicht unbedingt Pflicht, aber auch kein Teil unserer Lebensrealität. Anders als viele Mitglieder der Jüdischen Community in Berlin und weltweit, in denen die Berichte und Erzählungen aus der Pogromnacht ein fester Bestandteil der Familienhistorie und des kollektiven Wissens sind. Und selbstverständlich das, was der 9. November 1938 einleitete. Die Shoa.

Wir gehen also ins Restaurant. Treffen uns mit Freunden, sitzen den Abend über Bier und Schnaps, philosophieren und diskutieren parteipolitische Strategien. Der Alltag fängt uns ein. Irgendwann verabschieden wir uns, „War ein schöner Abend“, lass uns das wiederholen. Unbedacht. Wir fahren nach Hause, nie darum fürchtend, dass die Fensterscheiben zerstört, die Privatheit in Brand geraten, die Existenz nihiliert wurde. Teil unseres Privilegs. Ein letztes Mal vor dem Einschlafen Twitter aufgemacht, schauen, was der Freundeskreis so macht, ob es Nachrichten gibt. Und dann steht da „Die Synagoge in Fulda wird angezündet.“ – Ich stehe kerzengerade im Bett. Was geht da vor sich? Heute? An diesem Tag brennen Synagogen?

Ich lese weiter. Aus weiteren Orten werden brennende Synagogen gemeldet. Ich will mich anziehen. Müssen wir irgendwas in Berlin organisieren? Mein Hand liegt am Handy, bereit, Freund_innen anzurufen. Berichte trudeln ein, über zerstörte Scheiben, verschleppte Menschen. Und dann über Himmler, über die SA, über zusammengeschlagenen Menschen, über gestürmte Wohnungen. Im ganzen Bundesgebiet. Über Telegramme aus Frankreich. Alles kommt von einem Account, 9Nov38. Sein Titel: „Heute vor 75 Jahren.“ Mir wird bewusst, was ich da lese. Verantwortlich zeigen sich mehrere Historiker_innen, z.T. Studierende.

Moritz Hoffman, Leiter des Projekts, beschreibt die Idee wie folgt:

Wir betrachten nicht nur den 9. und 10. November, sondern seine unmittelbare Vorgeschichte und die ersten Nachwirkungen. Wir beschränken uns also nicht auf 24-36 Stunden, sondern wollen nachverfolgen, was vor exakt 75 Jahren passierte, tages- und möglichst auch uhrzeitgenau. Dabei müssen wir Kompromisse machen – nicht immer sind genaue Zeiten überliefert. In solchen Fällen achten wir auf Plausibilität, und wenn diese nicht herstellbar ist, müssen wir auf den speziellen Tweet verzichten.

Das Ganze ist ein Experiment, es ist eine Auslotung unserer Fähigkeiten zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, weder verdienen wir Geld damit noch geben wir welches aus, wir hoffen auf Leserschaft und erwarten auch Kritik. Wer immer uns etwas mitteilen möchte, sei dazu gerne hier oder an jeder anderen Stelle aufgerufen. Und vorläufig ist es für uns auch in erster Linie spannend.

Mit mir erstarrt mein Twitterumfeld. Es ist kurz nach Mitternacht, und die Möglichkeit, die historischen Ereignisse so nah an sich heranzulassen, schlägt meine soziale Peer Group in seinen Bann, entsetzt, erschüttert. Die Nachrichten, die in der Spanne eines Menschenlebens entfernt sind, wurden nur durch Tweets unterbrochen, die die Gefühle der Lesenden beschreiben. Genug waren den Tränen nahe, viele verspürten Wut, das Bedürfnis, aufzuspringen, so wie ich. Dazu die Empfehlungen, dass jetzt jeder das Feiern sein lassen sollte, sich hinsetzen solle, und das verfolgen sollte. Schon allein aus der Maßgabe heraus, dass es nie wieder geschehe. Und so wurde aus dem individuellen Konsum ein kollektives Gedenken. Menschen schrieben, wie sie auf einer Couch im Club saßen und vergaßen, dass sie unterwegs waren. Aus der Gedenkminute wurde für viele eine Nacht des Gedenkens. Kaum jemand konnte schlafen gehen, kaum jemand konnte aufhören, gebannt zu lesen. Auch ich schaffte erst in den frühen Morgenstunden, das MacBook zuzuklappen und einige Stunden Schlaf zu fassen. Als ich aufwachte, habe ich mich erschrocken: was, wenn ich etwas wichtiges verpasst habe? Erneut wurde mir bewusst, wie dünn die Spanne zwischen zwei verschiedenen Epochen durch die Berichterstattung im Livebericht geworden war.

Gerade politisch aktive Menschen sind es gewohnt, sich über Demonstrationen und Aktionen über abonnierte Hashtags oder Ticker-Accounts auf dem Laufenden zu halten. Wir verfolgen mit, was passiert, wir empören uns über Naziangriffe, über Polizeigewalt, über rassistische Kontrollen. Das scheint auf einmal alles so klein zu sein. Durch die minütliche Aktualisierung der historischen Begebenheiten wird mir die Totalität der Pogrome vor Augen geführt. Es ist keine Demonstration in Hamburg, keine Parkrodung in Stuttgart, keine Besetzung in Berlin. Es ist der allumfassende antisemitische Hass, der sich überall in Deutschland am 9. November 1938 entladen hat. Die Berichterstattung lässt mich über Orte lesen, deren Namen ich nie zuvor gehört habe. Sie lässt mich Teilhaben an dem Schicksal von Menschen, deren Name sich nirgendwo eingebrannt hat. Und das immer wieder aufs Neue, ohne Ende, ohne dass das Entsetzen Zeit findet, nachzulassen. Die Unmittelbarheit lässt das initiale Gefühl immer wieder aufleben: das ist so nahe, das klingt so plausibel, es könnte jetzt passieren. Es war historisch singulär, aber es ist wiederholbar. Und ich begreife diesmal nicht nur intellektuell, was an diesem Tag vor 75 Jahren passiert ist.

Ich weiß nicht, welche Preise es für diese Medienform geben kann. Ich weiß nur, dass dieses Jahr dieses Projekt sie alle bekommen sollte.

 

[tl;dr: Linken Think Tank aufbauen, um einer emanzipativen Bewegung, deren Teil die Piraten sein könnten, das theoretische und handlungsoptionale Fundament zu geben, dass sie im politischen Diskurs contra de facto schwarze Alleinherrschaft dringend benötigt.]

Als ich am vergangenen Sonntag auf meinen Wahlzettel runtergeschaut habe, war ich immer noch schwer am Überlegen. Als einer der ersten in Friedrichshain stand ich schon 8:30 Uhr im Wahllokal. Ich mag kein Anstehen und ich will Sachen abarbeiten, so funktioniere ich. Ich hatte mir vorgenommen, meine Stimmen sinnvoll zu splitten. Einerseits den Ströbele zu kippen, andererseits einer Partei in den Bundestag zu verhelfen, von der ich hoffte, dass sie dort mehr Profil zeigt als sie es jetzt gerade kann. Und dann stand ich da. Der Plan war gut, aber ungültig machen schien mir ähnlich sinnvoll zu sein. Nicht, weil ich die Piraten nicht mehr im Bundestag sah – das stand ja schon eine Weile fest – sondern weil ich daran zweifelte, was ich mit der Wahl der Partei erreichen wollte. Ich lasse hier offen, ob ich ungültig gestimmt habe oder der bürgerlichen Demokratie meine höchstpersönliche Legtimation überreicht habe.

Aber auch auf dem Weg nach Hause, der Hund rannte eh ständig vor und wollte sich nicht bespielen lassen, kam ich aus dem Nachdenken nicht heraus. Warum ist diese Partei eigentlich so zahnlos, so zerstritten, so seltsam dual? Auf der einen Seite haben wir effektive Fraktionen, die in den letzten Jahren Wähler_innen überzeugen konnten und es sich nach einiger Anlaufzeit in den Parlamenten bequem gemacht hatte. Sie sticheln die Regierungen, stellen kluge Fragen, entwickeln Expertise. Manche mehr, manche weniger. Manche Menschen wollen in diesem Abgeordnet_innen-Status sein, manche fühlen sich sichtlich unwohl. Sie haben die üblichen politischen Wehwehchen, die letztendlich doch nur die Menschen hinter den Zahnrädern des Politikbetriebes darstellen. Und sie erscheinen, mal mehr mal weniger, seltsam losgelöst von der Partei. Diese wiederrum leistet sich genau das, was andere Parteien sich auch leisten – aber für alle transparent. Die ganzen Kleinkriege, die ganzen Richtungs- und Personalkämpfe sind offen einsehbar. Für Parteiaktivist_innen sind sie durch die digitale Vernetzung nicht ausblendbar. Wo der CDU-Kreisverband seine monatliche Sitzung hat und ansonsten jeder sein Ding macht, ist man bei den Piraten jederzeit (an-)greifbar. Fehden werden dauerzeit ausgetragen, ständig müssen politische Entscheidungen getroffen werden, die die Richtung der Partei verändern oder die eigenen Positionierung erfordern. Viele Aktivist_innen haben sich in Diskursen über Sexismus, Post-Gender und Feminismus, über Post-Privacy, über rechts-links-Schemata und Extremismustheorien total aufgebraucht. Es ist leicht, aus dem Off anzugreifen und aus allen digitalen Rohren zu feuern. Die Filterbubble in herkömmlichen Parteistrukturen, das sieht man vom externen Blickwinkel, funktioniert einfach besser.

Als ich darüber nachdachte, was mir eigentlich an den Piraten gefällt, kam ich recht schnell auf: Berliner Realpolitik. Die Arbeit im AGH, die Arbeit in den Bezirksparlamenten. Aber die Partei ist nicht nur Berlin, auch wenn ihr das sichtbar gut täte. Ich erinnerte mich auch dunkel an die Arbeit in den anderen Landesparlamenten, aber natürlich ist mir das Lokale vertrauter. Ich habe mich immer wieder gefragt: warum hat man davon im Wahlkampf oder davor nichts gesehen. Die Plakate im Stile von „Sorry, wir versuchen es besser“ fand ich lustig, ehrlich und … teilweise falsch. Warum, liebe Piraten, wird nur das eigene Scheitern kommuniziert? Das ist gut, dass ihr das ansprecht, das macht euch greifbar und sympathisch. Aber ihr habt einige interessante Arbeit zu bieten. Stellt heraus, in welchen Bündnissen ihr lokal mitwirkt, analysiert doch mal, welche Erfolge ihr im AGH verbuchen konntet. Gerade in Berlin wäre nach zwei Jahren Piraten in der Stadt eine Zwischenbilanz sinnvoll gewesen. Ich will wissen, was aus meiner Stimme von 2011 geworden ist, die ich als Vertrauensvorschuss gegeben habe. Hat sich das gelohnt, sollte ich das bei der Bundestagswahl wieder machen? Wenn diese Frage versucht wurde zu beantworten, dann nicht so, dass es bei mir ankam. Ich will dem nicht hinterherrennen müssen. Ich bin ein fauler Wähler. Einer, der daran zweifelt, ob er überhaupt wählen soll. Ihr habt es nicht gerade attraktiver für mich gemacht.

Und dann ist da die Sache mit den Inhalten. Und hier wirds ernst. Ihr habt ein Bundesprogramm, richtig? Meine Assoziation mit den inhaltlichen Vorstellungen der Piraten ist folgende: „Bedingungsloses Grundeinkommen“. Nach Wochen mit Plakaten überall und nach aufmerksamen Nachrichten lesen ist mir nichts (!) anderes im Kopf geblieben. Wenn ich so drüber nachdenke, bin ich sogar verwundert, wo eure vielbeschworenen Kernkompetenzen hin sind. Ich habe keine Ahnung, wofür ich das Kreuz gemacht habe oder hätte. Was wollt ihr denn, und dann noch wie, im Bundestag vertreten? Und während diese gähnende Inhaltsleere in meinem Kopf sich mit eurem Parteilogo verbindet, komme ich Zuhause an. Den Hund habe ich irgendwo unterwegs an einem Baum verloren, den er x-mal schnüffelnd umkreist und weit hinter mich zurückfällt. Ein kurzer Pfiff, und er schaut hoch. Etwas trotzig schaut er mich an, setzt sich dann aber in Bewegung. Letztendlich weiß er, dass ich immer noch die Hand bin, die ihn füttert. Und er mich ja eigentlich auch mag.

Wir stehen vor meiner Erdgeschosswohnung. Ein Nachbar kommt gerade schlaftrunken aus dem Flur. „Na, schon wählen gewesen?“ Ich nicke kurz. „Ick mach auch gleich, aber ick verrat nicht wen.“ Sehr gut, er hat das mit den Grundsätzen der geheimen Wahl verstanden. Mein Lächeln ist freundlich, aber trotzdem rumort es in mir: was der Typ wohl wählt? Sympathisch ist er ja. Also vielleicht Linke. Aber dafür ist er zu hip. Grüne? Nein, das passt nicht. Er ist zwar biodeutsch, aber kein Bio-Deutscher. Vielleicht hat er über die Piraten nachgedacht. Darüber, dass er in den letzten Monaten nur Chaos erlebt hat, dass ein Haufen seltsame Leute sich über Themen stritten, die ihm absolut nichts sagten. SMV? LiquidFeedback? Ich glaube, er will einfach wissen, wie sich die Piraten verhalten werden, wenn wieder deutsche Soldaten unsere Freiheit in irgendeinem Gebirge dieser Welt verteidigen sollen und dabei in schönster Wehrmachts-Tradition Krieg spielen dürfen. Oder wie die Piraten eigentlich dieses bedingungslose Grundeinkommen, was ihm ja ganz gut in den Kram passen würde wenn er die Gallerie aufmachen will, überhaupt bezahlen wollen.

Es fehlt an Richtung. Es fehlt an Diskurs. Dort wo Menschen sagen, sie wollen sachgerechte Entscheidungen treffen, bleibt die politische Richtungsentscheidung auf der Strecke. Dem deutschen Politikbetrieb mangelt es an wirklichen politischen Debatten. Man streitet sich um Zahlen, wo man sich um Ideen streiten sollte. Die „alternativlose“ Politik der Regierung Merkel ist Träger dieser Politik-Kultur und die Piraten sind dafür schon von ihrer technokratischen Ausrichtung her anfällig. Wer Politik ausschließlich über Sachargumente „lösen“ will, unterwirft sich einem Determinismus, der Diskurse blockiert.

Die Piraten müssen Mut haben, sich ein Profil zu geben. Dabei dürfen sie nicht die wirtschaftsliberale Rolle der FDP einnehmen, die es zum Zeitpunkt meiner Gedanken nur noch wenige Stunden mit einer Bundestagsperspektive geben soll. Die Ron-Paul-libertäre Ausrichtung mag vielleicht erklärtes Ziel einer starken und diskursübertönenden Fraktion in der bundesweiten Perspektive sein. Aber das ist nicht das Potential, welches in den Piraten steckt, das haben die Wahlergebnisse gezeigt. Sorry, aber ihr könnt ruhig etwas mehr Anarchie wagen – und das so sagen. Das Potential steckt in einer starken und modernen linken Ausrichtung. Dort, wo kritische Theorie ihre realpolitischen Anknüpfungspunkte findet, liegt die wahre Stärke der Partei, würde sie ihre Aktivist_innen an Bord halten können. Ihr ganzes Konzept sagt „Herrschaftskritik“, jetzt muss das klare Bekenntnis zur praktischen Umsetzung kommen. Feministischen, antirassistischen, antifaschistischen, ideologiekritischen, sozialraumanalysierenden Positionen muss Raum gegeben werden. Es muss ein gemeinsames Wertesystem entwickelt werden, das sich in den realpolitischen Entscheidungen widerspiegelt. Idioten, die das seit Jahren torpedieren muss eine klare Absage erteilt werden. Nazis bei den Piraten? Rauskicken, sofort, konsequent. Antisemit_innen? Kein Zaudern, absägen. Dazu müssen Strukturen geschaffen werden. Dazu müssen Inhalte erdacht werden. Dazu müssen – und das ist das wichtigste – Menschen, die die Schnauze voll hatten, aktiviert werden.

Inzwischen habe ich mir frischen Minz-Tee gemacht und mich an meinen Schreibtisch gesetzt. Vor mir liegen Bücher, Adorno/Horkheimer zum Beispiel oder Mahlmann’s Übersicht zur Rechtsphilosophie. Ich denke über Diskurstheorien nach. Legalistisch müsste man neue Verfahren erwirken, wirklich mal beim Urschleim anfangen und nicht nur vom Demokratie-Update reden, sondern drüber nachdenken: welche Demokratie, welche Institutionen, welche Verfahren will ich eigentlich wie updaten? Kann ich den Gesellschaftsvertrag auch ohne die AGBs gelesen zu haben mit einem Klick aufs entsprechene Kästchen abschließen? Welche demokratische Teilhabe ermögliche ich wem und warum? Das kann natürlich keine ganze Partei machen.

Wenn man frustrierte Exil-Pirat_innen einbinden will, braucht man eine außerhalb der Partei stehende Organisation. Einen sogenannten Think-Tank, der das linke Profil schärft und ein gesamtgesellschaftliches Konzept der Piraten und ihnen nahestehender sozialer Bewegungen aufzeigt, gleichzeitig aber ökonomisch und personell teilweise unabhängig agiert. Der Positionen entwickelt, an der sich die Partei orientieren kann, ohne dass sie das akademische Wissen, das dahintersteht, individuell sich aneigenen muss. Der Strukturen im Kleinen entwickeln kann, ohne sich durch ständige Querschüsse aus anderen Crews und Flügeln ablenken zu lassen. Eine Initiative letztendlich, die alle wichtigen gesellschaftlichen Akteur_innen an einen Tisch bringen kann, und dabei moderierend wirkt, ohne die politische Zielrichtung aus den Augen zu lassen. Das Konzept einer parteinahen Stiftung, eines Vereins, eines Think-Tanks, einer Initiative mag elitär sein. Aber mal ehrlich: dieser elitären Prägung seid ihr durch eure Rockstars in viel beschissenerem Ausmaße schon lange aufgesessen. Diese Form der Theoriearbeit, der Schaffung von praktischen Handlungsempfehlungen und der Analyse des Kenterns bindet unglaublich wichtige Menschen an euch: die linken Kräfte, die schon seit Monaten und Jahren ausgetreten sind oder über den Austritt nachdenken oder nie dabei waren. Ihr wisst wen ich meine. Deren kluge Gedanken ignoriert wurden, deren Personen attackiert wurden, deren Aktivismus blockiert wurde. Teilweise bis zur seelischen und körperlichen Selbstaufgabe. Genau deshalb muss es auch eine tragfähige Organisation sein. Wer dort arbeitet, muss dafür bezahlt werden. Das ist keine Freizeit, jedenfalls nicht für die, die ihr Studium lang geschuftet haben und nun vor der Wahl zwischen intensiver und grundlegender politischer Arbeit stehen oder Lohnarbeit, um sich zu ernähren. Bis zur Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens (oder der sozialen Revolution) muss diese Arbeit in bezahlten Stellen geleistet werden.

Ich würde gerne in so einer Organisation gestaltend tätig sein. Meine Qualifikation in politische Arbeit einbringen. Und ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht, und dass sie mitziehen würden. Wenn wir ein starkes linkes Netzwerk aufbauen, dass den gesellschaftlichen Diskurs wieder in eine emanzipatorische Richtung verschiebt – auf parlamentarischer und außer-parlamentarischer Ebene – dann bleibt es auch nicht bei 2.2% für die Piratenpartei. Wenn in den kommenden Debatten eine kluge und moderne Wortführung übernimmt, dann hat man tatsächlich gestalterisches Potential.

Gerade in einer Zeit, in der die CDU nahezu die alleinige Macht hat, in der alles auf Law, Order and Economy hinausläuft, in der Sicherheitsarchitektur jede Dystopie der vergangenen überschatten wird und sich damit in einem internationalen Konsens der Machtsicherung bewegt, gerade da muss man anfangen, starke linke Alternativen aufzubauen. Dabei haben die Piraten das Potential, sich in eine starke Bewegung einzubinden, indem sie unterschiedlichste Gruppen und ihren gesellschaftlichen Input aufnehmen: Linksradikale, denen interessante Basiskonzepte erschließen; Linke, die sich nur schwer gegen alte SED-Genoss_innen und K-Gruppen-Kader_innen durchsetzen können; Grüne, die ihre zentralen Politikfelder verloren haben und die Bürgerlichkeit der Partei ablehnen; Sozialdemokrat_innen, denen die SPD zu beliebig geworden ist; Sozialliberale, die seit Jahrzehnten in der FDP nur noch Randfiguren waren.

Mein Tee ist getrunken. Der Hund schläft. Am Ende des Wahlabends steht mein fieberhaftes Zittern, dass die Rechtspopulisten der AfD den Einzug nicht schaffen. Und die CDU keine stabile absolute Mehrheit bekommt. Nochmal Glück gehabt. Aber wenn wir nichts unternehmen, läuft es beim nächsten Mal nicht so glimpflich ab.

Wer sich am Aufbau eines links-emanzipatorischen Think Tanks beteiligen möchte, kann sich gerne bei mir melden.

 

Ich bin nicht auf dem #29C3. Das ist vielleicht die wichtigste Vorbemerkung zum Artikel. Ich sitze in Berlin in der C-Base und schaue mir die Live-Streams an, folge vielen Menschen, die vor Ort sind, auf Twitter und lese nachbereitende Blogartikel.

Dieses Jahr ist das Thema Sexismus, was auf den letzten Kongressen, für viele wahrscheinlich unterschwellig, schon immer anwesend war, sehr präsent. Vor allem, weil es halb-organisierte Strukturen gibt, die systematisch Übergriffe jeder Art, deutlich anprangern und Verfahrensweisen vorschlagen (die rot/gelb/grünen Karten z.B.). Das ist, so weit ich es beurteilen kann, eine gewachsene, aber insgesamt neue Qualität. Folgender Effekt: es gibt nicht mehr (Alltags-)Sexismus als vorher, er wird nur durch die kontinuierliche Arbeit offensichtlicher. Das fühlt sicher bei vielen zu einem gefühlten Ansteigen und den vor der Brust verschränkten Armen: „Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das so schlimm ist, war doch bisher immer entspannt.“ Nein, war es nicht. Der Kongress ist, im Großen und Ganzen, ein Abbild der Gesellschaft. Und die ist nicht entspannt.

Haupt- und Nebenkonflikt?

Eine Hackerbewegung ist mehr als nur ein einziger gesellschaftlicher Kampf, viel mehr besteht er aus vielen Konflikte, die überall ineinandergreifen. Wenn man sich den Fahrplan des Kongresses anschaut, dann sieht man, das es um Datenfreiheit, um Transparenz, um Anti-Militarismus und um vieles mehr geht. Die Besucher_innen lassen sich darauf ein, bauen ein konstruktiven Diskurs über die Konfliktfelder auf, wägen Pros- und Contras ab. Bei Sexismus scheint das nicht zu passen, es werden Fronten aufgebaut, weil man(n) sich in seiner Persönlichkeit angegriffen fühlt – weil die Konflikte, die sonst ganz abstrakt behandelt werden, auf einmal extrem real sind? Weil man nicht auf der Seite der Guten (?!) steht? Weil der eigene Lebensentwurf komplett in Frage steht? Ganz ehrlich: tut er nicht. Es ist großartig, was die netzpolitische und Hacker-Bewegung auf der Welt leistet. Viel mehr als alle anderen sozialen Bewegungen hat sie ihr Wissen genutzt, um die Bedingungen zu verändern mit Annahmen, die auf gesellschaftlichen Idealen basieren. Der Schritt zum antisexistischen Verhalten ist da nicht weit. Die Auflösung von Privilegien und/oder Diskriminierung aufgrund von unterschiedlichen körperlichen oder sozial-konstruierten Geschlechtern (sex & gender) ist ebenso ein gesellschaftliches Ideal. Die bestehenden Verhältnisse gilt es zu hacken. Das heißt nicht, dass man mit allem, was an Input aus der feministischen Bewegung kommt, konform gehen muss. Aber wenn man konstruktiv damit umgehen will, muss man sich zwangsläufig erstmal mit dem eigenen Verhalten beschäftigen. Das heißt, man muss auf Augenhöhe kommen, und das tut man nicht, in dem man aktiv durch den eigenen beschissenen Humor Menschen herabwürdigt und ihnen das Gefühl gibt: „Verpiss dich aus meinem Revier.“ Und das macht man auch nicht, indem man passiv solches Verhalten stützt. Das Jeopardy der gestrigen Nacht hat beides sehr gut vor Augen geführt. Der Idiot auf der Bühne. Eine schweigende Masse. Und die tollen Menschen, die es begriffen haben und gleichzeitig den Sinn der CreeperCards sehr schön demonstriert haben: als simples Zeichen für „Es ist Zeit, deine Fresse zu halten, einen Gang runterzuschalten und die Situation zu reflektieren.“ Es ist kein weiter Weg, diesen Schritt nach vorne zu machen und es ändert euer Leben nicht. Aber es macht das Leben im Endeffekt schöner. Eigentlich braucht man diese ganzen Privilegien nämlich nicht.

Wenn man erstmal auf dem Niveau angekommen ist, dass die Basics aktzeptiert werden und man sich hinsetzt und anfängt zu reden statt zu haten, dann kann man weiter gehen. Dann kommt man sicherlich auf Konfliktpunkte wie eine weitgehend akademische Sichtweise des Feminismus in der Hackerbewegung, auf die Frage nach Praktikabilität in sozialen Kämpfen, nach Modalitäten, nach Ausfransungen, man kommt zu all den kleinen Debatten, die ansonsten auch im Feintuning die restlichen Kongressthemen bestimmen. Frei nach Refpolk im Song „Einige meiner besten Freunde sind Männer„: Sieh mich als ein Prozess voller Zweifel am Keyboard, denn Befreiung heißt für mich auch die Suche nach Alternativen zum „Mann“. Wenn man aber keinen gleichberechtigen Raum zur Diskussion zur Verfügung stellt, dann kann man auch nicht erwarten, dass irgendwer darauf Bock hat sich auf eine Debatte einzulassen, in der man konstant als geringwertig eingeschätzt wird. Ich selber bin kein Feminist. Aber ich hab sehr schnell kapiert, dass mir niemand in meinen bevorzugten politischen Tätigkeitsfeldern zuhört, wenn ich nicht bereit bin, mich an einem bestimmten Grundkonsens zu halten. Und die Perspektive hat mir bisher nur Gutes gebracht in meiner kritischen Reflexion von Macht, Herrschaft und Gesellschaft. Das wirkt sich auch positiv auf die politische Arbeit in anderen Bereichen aus. Bildet euch, bildet Banden.

Atmosphäre der Angst

… und dann ist da noch die Sache mit den Idioten, die meinen, eine Gegenbewegung starten zu müssen. Ihre Männlichkeit, ihren guten Ruf, ihre gesellschaftlichen Privilegien zu verteidigen, indem sie die Realdaten von Aktivistinnen im Netz veröffentlichen. Das verunmöglicht jede Form von konstruktivem Diskurs. Es wird ein Atmosphäre der Angst erzeugt, die Menschen davon abhält, sich zu äußern. Ich habe lange überlegt, ob ich Bock darauf habe, zu dem Thema etwas zu schreiben, weil die Chance nicht klein ist, dass ich auf irgendeiner „femnazi watchblog liste“ (wtf?!) lande.  Das Veröffentlichen von Daten ist ein politisches Kampfmittel. Es macht in meinen Augen Sinn, um z.B. Nazistrukturen offensichtlich zu machen und ihnen den gesellschaftlichen Raum zu nehmen. Es ist aber ein Mittel, dass mit Vorsicht eingesetzt werden muss. Es richtet sich ganz eindeutig gegen solche, die noch mehr mit ihren konkreten Aktionen als mit ihrem politischen Handeln Menschen in ihrem Leben bedrohen. Feminist_innen durch die Aktionsform damit gleichzusetzen ist einfach nur widerlich. Damit stellen sich die femwatch-Leute auf eine ähnlichen Stufe wie Neonazis, die das Bedrohungsszenario im Rahmen ihrer Anti-Antifa-Aktivitäten aufbauen und mit ihrer Veröffentlichung von Daten oft die Drohung mit körperlicher Gewalt verbinden. Und wie lange soll es bitte schön dauern, bis in der wertgeschätzten Anonymität des Kongresses dieser Schritt getan wird, ergo: es ist nur noch einer kleiner Schritt, um die veröffentlichten Personen zum Freiwild zu erklären und zum Abschuss freizugeben.

Not my department?

Es geht alle etwas an. Der Kongress sollte barrierefrei zugänglich sein und das Kongressmotto agiert dabei wunderbar als Aufforderung an den CCC selber und an die Besucher_innen. Barrieren gibt es genug, im körperlichen, in den Köpfen, in den Herzen. Es wird daran gearbeitet, diese Barrieren abzubauen und Kongress, Bewegung und Gesellschaft ein ganz kleines Stück angenehmer und herrschaftsfreier zu gestalten. Denkt darüber nach. Steht dem nicht im Weg. Ändert euch. Helft, wo ihr könnt. Denkt nochmal drüber nach. Und dann, wenn ihr wollt, bringt euch in die Debatte ein.

 

Wenn ich mir die deutschen Reviews zum Kinostart von „The Hobbit“ anschaue, fühle ich mich irgendwie, als ob sich kaum jemand mit dem Werk auseinandergesetzt hat. Der große Vergleichspunkt ist LOTR in seinen Verfilmungen, nicht „The Hobbit“ selber. Sehr befremdlich. Anders als die ganzen coolen Rezensionen kann ich gar nichts zur 3D-HFR-Version sagen, ganz simpel, weil ich 3D hasse und wir deshalb mit unser kleinen Fan-Gruppierung in die „normale“ Mittwochs-Preview am Potsdamer Platz im Originalton gegangen sind.

Mir ist aufgefallen, dass meine Freunde alle zu alt werden, um so einen Quatsch wie „ich verkleide mich als irgendwas und ziehe alle Blicke auf mich“ in einer Filmpremiere mitzumachen. So kam es, dass ich als einziger im Waffenrock und mit schwarzem Reisemantel, vermummt mit schwarzem Tuch, etwas verloren zwischen einer stinknormalen Kinobesuchergruppe am Potsdamer Platz stand. Zwischendrin kamen zwar andere Gruppen vorbei, die es aber für meinen Geschmack deutlich übertrieben haben – ich habe bewusst das LARP-Schwert zu Hause gelassen. Im Kino selber haben mich dann Kapitalismus-Söldner der LARP-Szene ausgemacht, die bezahlt wurden, um gute Stimmung zu verbreiten (wahrscheinlich, weil halt keiner mehr außer mir den Quatsch freiwillig macht), und kamen auf mich zugerannt. „Du bist doch bestimmt Herr-der-Ringe-Fan!“ „Ähhh … ich will zu „The Hobbit““ „Ja, genau, Herr der Ringe, hier bekommst du einen Anhänger von uns geschenkt.“ – nettes Geschenk, aber verwirrendes „Gespräch“. Ich will zum Hobbit, nicht zu Herr der Ringe. Also nochmal für alle zum Mitschreiben, was mir bei dieser Rezension wichtig ist: „Der kleine Hobbit“ ist nicht „Herr der Ringe“!

Zum Film: Schön. Sehr schön. Aber … ach. – Ich bin ziemlich begeistert von der Detailversessenheit, mit der das Buch umgesetzt wird, die aber auch erwartbar war vor dem Hintergrund, dass ein paar hundert Seiten in drei Filmen untergebracht werden. Ich war frustriert von den Brückenschlags-Ergänzungen, die Jackson gemacht hat, um sein Filmuniversum abzurunden. In meinem Empfinden hatte „Der kleine Hobbit“ mit dem restlichen Tolkien-Komplex nämlich nur geringfügiges Anknüpfungspotential, und das scheint Jackson halt irgendwie übertünchen zu wollen – was zwangsläufig darin endet, dass sich das Spannungsfeld zulasten des Filmes auf der Leinwand zeigt. Mir fehlen einige Sachen, die den Film für mich abgerundet hätten: die epischen Darstellungen der Hintergründe waren in Ordnung, aber hier hätte viel mehr erzählerisches Potential kommen müssen, die Stimme aus dem Off war selten da. Das gleiche Problem bei der Figur Gandalf: dadurch, dass sie unkommentiert soviel Raum bekommt, verdrängt sie Bilbo als eigentlich Hauptfigur des Films massiv – hier hätte man mit einer Omnipräsenz des erzählenden Bilbos gut gegensteuern können.

Was mich wirklich begeistert hat, war der Witz, den die Umsetzung hatte. Bei diesen Stellen war es ganz offensichtlich, dass hier ein Kinderbuch vorlag, und ich hätte gerne mehr gelacht. Das hat das alles sympathisch gemacht und mich daran erinnert, wie ich das als Kind gelesen habe und leise unter der Bettdecke, ganz stilecht mit Taschenlampe, vor mich hingelacht habe. Jackson hätte im Großen und Ganzen gut daran getan, das Buch nicht als Ergänzung zu „seinem“ Herr der Ringe zu verfilmen, sondern als solches Kinderbuch, das es halt ist – mit all den schrulligen und unschuldigen Details, wegen denen man es als Erwachsener auch noch gerne liest. Mehr Mut zum Kind!

Ich bin sehr gespannt, was die nächsten Teile bringen und *spoiler* ob der Albino-Ork eine schönere Hand findet.

Bild: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 by Rob Chandler (http://www.flickr.com/photos/96147639@N00/319251960/)

 

„Warum hast du eigentlich einen bekannten Neonazi bei dir in der Freundesliste?“ „Ach, den kenn ich aus Forum XY, der ist total nett. Neonazi, sagst du, ist der?“ – Ein grandioser Einstieg für einen Streit, der so eine sozial fragile Rollenspielgruppe an den Rand der Spaltung bzw. ihrer Existenz bringen kann. Mit kaum einem Thema habe ich mich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Rollenspielen mehr auseinandergesetzt, als mit der Rechtsoffenheit von Mitspieler_innen.

Machen wir uns nicht vor: nicht nur stellen Rollenspieler_innen einen Querschnitt durch die die deutsche Mehrheitsgesellschaft dar, mit ihren ganzen rassistischen Strukturen, Privilegienverteilung und was man nicht gerade an den Universitäten unter den Seminarennamen „Critical …“ verarbeitet. Auch bietet gerade der Fantasy/Mittelalter-Bezugsrahmen eine willkommene Anlaufstelle für Menschen, die ihre völkischen, rassistischen und neonazistischen Ansichten kritikfrei ausleben möchten. Viele Symboliken, die ansonsten als Identifizierungsmerkmale der extremen Rechten gelten, werden von Spieler_innen unreflektiert hingenommen oder selbst getragen – man gehe mal auf einen LARP und stelle die Forderung in den Raum, die Thorshämmer vom Hals zu nehmen. Ein Großteil der Beteiligten wird sich angesprochen fühlen und kaum einer wird Verständnis dafür haben. Ich habe mich aus diesen Gründen vor einiger Zeit von LARPs zurückgezogen.

Mir ist immer mehr aufgefallen, wie unreflektiert mit dem eigenen Spiel umgegangen wurde (die Wolfsangel wäre nur ein Symbol ihres Clans der Wölfe … ), wie schwer eindeutige Positionierungen fallen, wie in feinster Extremismustheorie Links und Rechts in einen Topf geworfen werden und wie sehr Beteiligten rassistisches Verhalten („Schokoelfe“ als Spitzname für eine dunkelhäutige Mitspielerin?) für witzig oder den Normalzustand hielten. Musik der extremen Rechten oder aus dem Grauzonebereich, vor allem NSBM, Neofolk und Liedermacher, wurden bestenfalls unkritisch in das eigene Verständnis der Subkultur eingebaut, die Kritik daran mit dem Verweis auf die eigene „unpolitische“ Haltung abgewiesen.

Gleichzeitig muss ich sagen: durch Rollenspiel habe ich auch einen sehr diversifizierten Freundeskreis gehabt: Menschen mit persischem, nigerianischen und osteuropäischen Einwanderungshintergrund, bekennnende Juden und Protestanten. Es ist faszinierend, wie eine Szene, die gerade im LARP-Bereich so von Rechten durchsetzt ist, gleichzeitig so divers sein kann. (Übrigens habe ich das Gefühl, dass Cyberpunk von Rechtsoffenheit insgesamt weniger betroffen ist – bei Shadowrun & Co. sind mir bisher die cooleren Leute über den Weg gelaufen)

Beim Pen&Paper sieht es ähnlich aus, eine Gruppe zu finden, bei der sich alle Teilnehmer_innen kritisch mit ihrer gesellschaftlichen Position und ihrem Bekanntenkreis auseinandersetzen, ist zumindest mir ein Ding der Unmöglichkeit. Die Szene ist zu klein, die strukturellen Verbindungen gerade auch zu rechtsoffenen Subkulturen (Gothic sei hier vor allem gennant) schlagen immer wieder in das Gewicht. Die Politik-Sektionen von einschlägigen Szeneforen lassen einem das Schaudern über den Rücken laufen, und man findet auch in kleinen Communities vom Burschenschaftler über NSBM’ler und Neofolker zum Otto-Normal-Sarrazinisten alle Formen von rechtem Gedankengut. Ich habe auch richtig Angst über das Internet nach neuen Spieler_innen zu suchen, weil die Gefahr mir recht hoch erscheint, solche Idioten in meine Wohnung zu lassen.

Und überhaupt, was ist eigentlich mein Problem? Sollen die doch alle Nazis sein, wir wollen ja nur spielen … – Genau da liegt aber auch der Punkt für mich: Rollenspiel ist für mich eine Form der Entspannung, etwas, wo ich stundenlang den Alltagsstress abschütteln und mit Freunden in einem wunderbaren, spannungsgeladenen Setting abtauchen kann. Das kann ich nicht, wenn ich mir darüber Gedanken machen muss, ob jemand gerade seinen Charakter ausspielt (der ja durchaus ein rassistisches, sexistisches Arschloch sein kann) oder das Spiel für die Projektion seiner eigenen verkorksten Persönlichkeit nutzt und ich ihm hier eine Plattform für seine geistige Haltung gebe. Ich möchte auch nicht spielen, wenn ich die ganze Zeit daran denken muss, dass Mitspieler_innen mit irgendwelchen Neonazis rumhängt und man eigentlich, statt lächelnd gerade den Run gegen Saeder-Krupp miteinander durchzuziehen, ein klärendes Gespräch über die Gefahren des Umfelds führen müsste. Sowas belastet meine Entspannung und sowas belastet meine Person und die Freundschaft zu den anderen Beteiligten. Das will ich nicht in meinem Spiel haben. Shadowrun, DSA, LARP – das sind Spiele. Rassismus, Sexismus und Unterdrückung sind es nicht. Das sind bitterernste Machtverhältnisse. Und die haben in meinem Rollenspiel nichts zu suchen.

Aber was nun? Ich habe für mich bisher die Entscheidung getroffen, nachdem es mir in meiner aktiven LARP- und DSA-Zeit zu unangenehm wurde, ständig mit irgendwelchen Nazis auf (Haft-)Urlaub zusammenzuspielen, mich auf Shadowrun in einer kleinen Gruppe zu beschränken – obwohl ich durchaus das Bedürfnis habe, wieder aktiver zu spielen oder auch mal zum LARP wieder zu erscheinen. Aber einerseits zeigen sich auch in meiner kleinen Gruppe spaltende Konfliktlinien an dem Thema entlang und andererseits wüsste ich auch gar nicht, wo ich nach entsprechenden Spieler_innen und Veranstaltungen suchen sollte – eine klare politische Positionierung ist schlichtweg kein relevantes Kriterium in der Rollenspielszene, nach der man Cons usw. sortieren kann. Ich bin also so klug wie vorher, nur dass ich jetzt mal einige Gedanken verschriftlicht habe.

Darauf möchte ich übrigens besonders hinweisen: das ist kein Artikel eines abgeschlossenes Gedankenprozesses, sondern eine mitternächtliche Niederschreibung von Erfahrungen, gefühlten Problematiken und tatsächlichen Enttäuschungen. Viele Enden mögen lose sein, vieles mag der Ergänzung bedürfen, manche Argumentationslinien mögen gerade denjenigen Leser_innen, die sich nicht regelmäßig an politischen Diskussionen beteiligen, zu schwach oder nicht logisch erscheinen, weil ich viele Sachen als gegeben voraussetze. Umso mehr bin ich auf Kommentare und Nachrichten gespannt, weil das Thema mich schon eine ganze Weile beschäftigt und ich mich sehr über etwas Richtung und natürlich auch Support im Sinne von „Hey, du bist nicht der Einzige, der so denkt, wahrnimmt, etc.“ freue.

 

 

Es schwingt ja immer mal wieder mit, dass wir böse Blogger und Medien nur meckern können, aber von weit weg gegen das arme Dorf hetzen. Dem würde ich gerne eine kleine Aktion entgegensetzen, eine Blogparade quasi: Wir Blogger, wer sich da beteiligen möchte, erstellen viele kleine Playlist’s und Mixtapes, die den Schülern der KGS Kirchberg zeigt: hey, es gibt noch andere Musik, weitab von Sleipnir und Onkelz, die eure Gefühle ausdrücken kann und euch dazu auch noch zum kritischen Nachdenken bringt, die die Welt in ihrer Komplexität ausdrückt und euren Problemen und Sorgen gerecht wird und versucht, vernünftige Antworten darauf zu finden. Erwartungsgemäß werden sich dabei viele Songs gegen Rechts einfinden, aber mein Wunsch wäre, dass wir es schaffen, über unsere Musikauswahl Anstoß für eine reflektierte, nachdenkliche, energische, autonome und positive Jugendkultur zu geben.

Beteiligte Blogs:

Meine Playlist:

wird laufend ergänzt

1. Berlin Boom Orchestra – Nicht Egal

Mehr nach dem Break.

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Habt ihr die Artikel und Statements vor euren Augen, die Nazis als Randgruppenproblem der Gesellschaft marginalisieren und eine Anschlussfähigkeit der „demokratischen Mitte“ für nicht möglich halten? Auf Facebook bin ich vorhin über einen Link zu YouTube gestolpert, der exemplarisch wunderbar das Gegenteil beweist. Aber um erstmal auszuholen: es geht um Sleipnir. Sleipnir ist eine Naziband, sie spielen beliebten Rechtsrock.

„Sleipnir“ ist das Pseudonym des rechtsextremen Liedermachers Marco Laszcz und gleichzeitig der Name der Band, dessen Kopf er ist. Die Band wurde Anfang der 1990er Jahre in Verl/Gütersloh (Nordrhein-Westfalen) gegründet und ist seitdem in unterschiedlichen Besetzungen aktiv. Sie unterhält Kontakte zum verbotenen Blood&Honour-Netzwerk, zur Szene der freien Kameradschaften und zur NPD. — Netz gegen Nazis

Sleipnir sind also nicht nur irgendeine rechtsoffene Rockband wie die Böhsen Onkelz, diverse Oi-Formationen etc.; vielmehr sind sie im selben Umfeld vernetzt, dass, wie im Falle von Blood & Honour, den NSU hervorgebracht hat.

Auf YouTube ist nun ein Video zu finden, dass eine gesamte Abschlussklasse zeigt, wie sie im Chor das Lied „Verlorene Träume“ von Sleipnir aufführt. Nicht betrunken mitgröhlt, nein: auf einer Bühne, augenscheinlich in der Schule in der Stadthalle, aufführt.

Das originale Video mit inzwischen über 20.000 Zugriffen ist noch auf YouTube zu finden, allerdings für den deutschen Sprachraum gesperrt. Inzwischen komplett vom Nutzer rausgenommen worden, hier ist aber ein Mirror verlinkt. Zitate von Kommentaren beziehen sich darauf.

Bei dem Ort handelt es sich dem Stadtwappen zufolge um Kirchberg, ein Gemeindeteil von Hunsrück, in Rheinland-Pfalz. Bei der Schule wird es sich um die Haupt- oder Realschule handeln, die in diesem Ort angesiedelt sind. Ich habe beide Schulen die Schulleitung der kombinierten Schule um Stellungnahme gebeten. Der Veranstaltungsort ist die Stadthalle Kirchberg (via Kommentar im Kraftfuttermischwerk), vergleiche auch die Website eines Chors (von dem Sachverhalt total unabhängig und nur zur Beweisführung dienlich). Auch an den Bürgermeister ging eine Anfrage raus.

Die Lehrer waren sich laut eines YouTube-Kommentars des Problems wohl bewusst. Der Nutzer BVEboStar kommentierte:

die Lehrer wussten das teilweise… Viele sind einfach rausgegangen als wir angefangen haben zu singen…

Anstatt also einzugreifen, flüchtete man. Viel mehr kann man zu der Sache einfach nicht sagen. Offen bleiben die Fragen, warum es zugelassen wurde, warum nicht interveniert wurde und warum eine gesamte Abschlussklasse sich hinstellt und ungestört und gemeinschaftlich Rechtsrocklieder singt.

Neue Entwicklungen nach dem Break:

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Wie schnell sich hier angenehme Ruhe in frustrierenden Klimahorror verwandeln kann. Ein Sturm hat in der DC-Area vor knapp 8 Tagen fast die komplette Stromversorgung lahmgelegt. Millionen Haushalte ohne Strom, vor allem darauf zurückzuführen, dass die Infrastruktur hier marode und technisch rückständig ist. Statt Stromleitungen im Untergrund zu führen und so vor herabstürzenden Ästen und starken Winden zu schützen, zieht sich hier durch die Ortschaften ein Netz von Strommasten, die in ihrer Verästelung die Wohngebiete versorgen. Passiert etwas mit den überirdischen Kabeln, verliert das Gebiet den Strom – denn ein Kabel auf Bodenhöhe bedeutet Lebensgefahr, wenn dort Strom durchfließt. In der Konsequenz: Strom aus, hinfahren, reparieren – und erst dann kann für das Gebiet wieder der Strom angeschaltet werden. Qualitative Unterschiede lassen sich dabei höchstens in der Kontrollfähigkeit des Stromflusses feststellen, d.h.  ab welchem Verästelungsgrad abgeschaltet werden muss.

Die Stromversorger haben sich das fein ausgerechnet. Die Modernisierung würde den Profit schmälern, selbst wenn man die Kosten auf die Verbraucher abwälzen würde, die regelmäßigen größeren Ausfälle werden in Kauf genommen. Eine richtige Wahl zwischen verschiedenen Versorgern hat man eh nicht. Aus der Politik kommt Gezeter, aber die Investition von öffentlichen Mitteln in die Infrastruktur scheint anders zu funktionieren als bei uns; letztendlich ist davon wenig die Rede und die Unternehmen scheinen größtenteils unter privatwirtschaftlichen Prämissen zu arbeiten. Trotzdem würden viele Kunden die Erhöhung der Strompreise für eine Modernisierung gerne in Kauf nehmen.

Ein Sturm hat in diesem fehleranfälligen System maximalen Schaden angerichtet. Ich wohne in dem am schwersten betroffenen Gebiet, Montogomery County. Ca. 1/2 Mio Menschen ohne Strom, viele davon über Tage. Bei mir floß es erst am Donnerstag wieder, also nach 6 Tagen, und zu dem Zeitpunkt waren immer noch 60.000 Menschen in dieser Gegend ohne Strom. Inzwischen sollten alle versorgt sein, die Arbeitstruppen, die aus den nördlichen Staaten und sogar Kanada (!) herbeordert wurden, sind schon wieder auf dem Rückweg. Der Stromausfall hat die Stadt und das Umland an den Rand des Notstands getrieben: Schulen waren geschlossen, viele öffentliche Angestellte durften zuhause bleiben, und die US-Bundesregierung hätte fast ihren Laden komplett geschlossen, was einem shutdown von DC gleichgekommen wäre. Die Sturmschäden haben nicht nur auf die Strominfrastruktur Einfluss genommen, sondern natürlich auch die Straßen mit entwurzelten Bäumen blockiert, Gebäudeteile zerstört und Menschenleben gefordert. Irgendwie hat man diesen Fast-Notstand aber dann beibehalten, wobei viele Menschen auch glücklich waren auf Arbeit zu sein: dort konnten sie ihre elektrischen Geräte laden, ins Internet kommen und ganz wichtig: runterkühlen.

Denn das ist der zweite Part der Klimahölle: während die immens wichtigen Klimaanlagen der amerikanischen Häuser nicht funktionierten, steuerte die Stadt von einem Hitzerekord in den nächsten. Die Temperaturen der letzten Woche lagen regelmäßig über 36°, einige Tage über 40°. Höhepunkt war heute ein knapp verfehlter Rekord. Der heißeste Tag der Aufzeichnung wurde um knapp 1 1/2 Minuten verfehlt. Es wurden 42° gemessen, aber nur 90 Sekunden lang, das reichte nicht, um den Rekord zu setzen – um offiziell anerkannt zu werden, muss die Temperatur über 180 Sekunden konstant auf diesem Niveau liegen. Ohne funktionierende Klimaanlage, ohne Kühlschrank und ohne Ventilatoren war diese Hitze natürlich das schlimmste Timing für die vom Stromausfall betroffenen Menschen.

Aber irgendwie habe ich es überlebt; ab Montag soll es erstmal deutlich kühler werden und unter 30° absacken. Und Strom und Internet sind auch wieder da. Der Kühlschrank brummt, kühles Wasser und Coke Zero bringen Linderung.

Abschließen möchte ich mit einem Verweis auf einen Kommentar von Petula Dvorak in der Washington Post: A ruling class deprived of its power. Ein Artikel, der sich mit den sozialen Faktoren des Sturms auseinandersetzt: die Betroffenen waren nämlich größtenteils gutsituierte Mittelschichtsvertreter, die Gebiete vor allem vornehme suburbs.

 

Amanda hatte mich am vergangenen Wochenende nochmal zu einem Kurztrip zu ihrer Schwester eingeladen. Und da ich gerne sowas annehme, und mich auch wieder beim Autofahren nützlich machen konnte, habe ich das Angebot gerne angenommen. Im Grunde ging es immer nach Süden, einmal quer durch Virginia. Ziel war die Stadt Raleigh in North Carolina, eine beschauliche Kleinstadt mit dem Chárme von Frankfurt (Main) und der Größe von Frankfurt (Oder). Wir fuhren Freitag nach der Arbeit los und blieben bis Sonntag.

Im Grunde kann ich hier keinen langen Artikel schreiben, weil im Gegensatz zu West Virginia der Trip nicht ganz so spannend war. Grundsätzliches zu North Carolina: klimatisch und von Feeling her unterscheidet sich der Staat kaum zu Virginia und nur wenig zu DC. Alles sieht etwas heller, vielleicht auch staubiger aus, aber es gibt kaum größere Auffälligkeiten. Man kann aber einige soziale Unterschiede feststellen: die Häuser wirken ungepflegter und mehr hölzern (die typische amerikanische Leichtbauweise), man sieht sogar viele rollbare Häuser, ähnlich den deutschen Bungalows, aber halt transportabel. Das alles spricht für einen niedrigeren sozialen Standard als man ihn in der DC Area findet. Auch die Lebenserhaltungskosten waren deutlich günstiger. Benzin lag bei $3,25/Gallon, der Burger bei McDonalds kostete 69 Cents im Vergleich zu den $1,10, die man in DC bezahlt.

Am ersten Abend sind wir nach einer langen Fahrt durch die Nacht im Red Roof Inn angekommen, eine Hotelkette, die einen fürchterlichen Ruf hat, aber Hunde erlaubte, und wo das Zimmer mit zwei großen Betten für zwei Nächte $140, also $70 per Nacht kostete. Außerdem war diese Filiale nicht schlimm, alle Annehmlichkeiten, die man von einem mittel- bis unterklassigen Hotel erwartet, waren vorhanden. An dem Abend haben wir auch nichts mehr gemacht.

Am nächsten Tag ging es dann zur besagten Schwester, die mit ihrem Freund an einem 5km-Lauf, dem Ninja Run, teilnehmen wollte. Fünf Kilometer, mit 18 Hindernissen – obstacles – für die gute Sache. Ich habe ja überlegt, ob ich dran teilnehme, aber mir waren die $65 Anmeldegebühr doch zu happig, ansonsten wäre es eine schöne Sache gewesen. So standen wir am Rand und haben angefeuert und die Leute beobachtet. Die Hitze hat den Läufern und den Zuschauern zu schaffen gemacht, es waren mind. 32° C, und die Leute zum kühlen Bierstand getrieben. Das Resultat war, dass ich Fahrer für alle spielen durfte. Nach dem, für die beiden Läufer, erfolgreichen Run sind wir zum Pool gefahren, eine Institution, die hier viele Apartmentblocks haben – ein Clubhaus mit Waschmaschinen und Räumen für gemeinsame Aktivitäten mit den anderen Mietern, oft einen Fitnessraum und einen Pool, Indoor und Outdoor. Sonne braten, Abendessen, die anderen noch mehr Bier – es ist ja Wochenende.

Den Abend haben wir dann in Raleigh Downtown verbracht, erst im irischen Pub, wo bei gemütlichem Essen noch andere Freunde zu uns gestoßen sind und man den Abend in heiterer Runde begonnen hat. Dann ging es weiter ins Solas, wo man mich zwang Hemd und Anzugschuhe rauszuholen. Kein Eintritt für den Club (dafür sauteure Getränkepreise), schlechte Musik, Uniformierung (Hemd!) und nochmal: schlechte Musik (!!) machten diesen Part des Abends sehr dröge für mich. Dann hab ich angefangen, weil ich nichts besseres zu tun hatte, das Personal zu beobachten – und bin zufällig auf die lokalen Distributionskanäle für weißes Puder gestoßen. So auffällig, wie dort Drogen gehandelt werden, standen dort alle schon bereits mit einem Bein im Knast, vor allem bei den Mengen. Dort wurden Tütchen gaaaaanz unauffällig beim Handshake gewechselt, die größer und praller gefüllt waren als die Hände der Servicekraft. Ich konnte eigentlich nur kopfschüttelnd zusehen und an eine Karriere beim DEA denken. Wir haben dann noch irgendwann den Club gewechselt, aber ich kann nur betonen – die Ausgehkultur sagt mir hier so gar nicht zu. Geprägt von Sexismus und schlechter Musik, und man kann sich eigentlich nur in eine Ecke verkriechen und hoffen, dass das alles bald vorbei ist. Ist es tatsächlich auch, um 2 Uhr wurden die Bänke hochgeklappt und das Licht angestellt. Zeit für die Fahrt nach Hause, mit betrunkenen freundlichen Leuten, die alle probierten, das Navigationssystem zu belehren.

Um so schöner war das Katerfrühstück am nächsten Morgen in einem kleinen französischen Restaurant namens Coquette – Preise waren top ($15 für große Suppe und Quiche), die Mengen auch, es war unglaublich gute Küche und der Service besonders erwähnenswert: nicht nur wurde mein Hund beachtet und ihm eine Wasserschale gebracht (was bisher nie in amerikanischen Restaurants getan wurde), auch war der Service (alles authentische Franzosen mit seltsamen Bärten) so diszipliniert und ist zusammen mit dem Koch gekommen, um uns das Essen gemeinsam vorzusetzen und nicht wie sonst in Schüben. Wenn da auf einmal vier Leute um einen herumstehen, fühlt man sich gleich mehr als Gast.

Und danach ging es wieder hoch, durch den Wochenendstau und durch die unglaubliche Hitze. Es war nicht so spannend wie West Virginia und hatte stellenweise echt Durchhänger, aber trotzdem erneut interessant. Ich hab mich über das Wochenende gefreut und bin froh, mitgekommen zu sein.

 

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