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Aus aktuellem Anlass mache ich hier mal eine neue Mini-Reihe auf: “Sprachlos” beschäftigt sich mit dem Umgang mit Sprache, der historischen Relevanz von Ausdrücken und dem Gedankengut, was sich dahinter verbirgt. Mir selbst sind viele Umstände von Wortgeflechten und –kreationen, die ich im alltäglichen, aber auch im politischen Sprachgebrauch mir angeeignet habe, gar nicht bewusst. Die Reihe soll dabei helfen, sich dieser Wortproblematiken bewusst zu werden und sie sich ggf. abzugewöhnen.

Gutmensch

Anfangen möchte ich die Reihe mit dem Wort “Gutmensch”. Bei mir hinterlässt das Wort schon etwas länger einen fahlen Beigeschmack, obwohl ich es immer gelegentlich verwendet habe, meistens um Menschen zu kritisieren, die sich der Konsumkritik (also der Veränderung von gesellschaftlichen Zuständen durch ein bewusstes Konsumverhalten) verschrieben haben. Sicherlich auch in anderen Kontexten. Trotzdem wurde mir dieses Wort in der letzten Zeit immer weniger geheuer, wurde es doch auch von irgendwelchen scheinlibertären FDP-Fatzken auf Seminaren verwendet, um Sozialpolitik etc. zu kritisieren. Auch geistert das Wort seit jeher durch Naziforen und taucht als Begriff in rechtsoffenen Kommentaren auf. Und wo es noch auftaucht: in ganz vielen linken und linksradikalen Diskussionen, meistens von den Vertretern von autoritären Systemen benutzt, um Kritik am Stalinismus oder anderen realsozialistischen Ausformungen abzubügeln.

Dabei sollte man das Wort einfach nicht mehr benutzen. Dazu möchte ich in dem Artikel einfach mal ein paar Zitate anführen, die die Problematik ganz gut wiedergeben. Da wäre zuerst einmal der “ZEIT Wörterbericht”:

Dass der »Gutmensch«, aus der politischen Rhetorik stammend, sich in der Alltagssprache niedergelassen hat, kann als Triumph antihumanistischen Denkens gelten. Die Häme über den guten Menschen beginnt bei Nietzsche, der Neologismus stammt aus dem Stürmer, Kampfbegriff ist er für die Neue Rechte, und salonfähig wurde er durch die 68er-Kritik im Stil von Klaus Bittermanns Wörterbuch des Gutmenschen. Die Verachtung, die das Wort ausdrückt, und die Geläufigkeit, mit der es verwendet wird, legen den Verdacht nahe: Als gut gilt jetzt ungut.

Die Nietzsche-Urheberschaft ist wohl umstritten, der Gedanke aber spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts vom Naziregime zementiert. Jürgen Hoppe erläutert das in einem Memorandum des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) [pdf] so:

Erstmals findet sich das Wort als Bezeichnung für die Anhänger von Kardinal Graf Galen, der gegen die Vernichtung lebensunwerten Lebens , also die Tötung körperlich und geistig Behinderter durch die Nationalsozialisten (schließlich mit Erfolg) gekämpft haben.

Nicht klar ist, ob der Begriff von Josef Göbbels oder Redakteuren des Stürmer 1941 ersonnen worden ist. Gutmensch geht auf das jiddische a gutt Mensch zurück, womit von den Nationalsozialisten auch ein Bezug zu den lebensunwerten Juden hergestellt werden sollte.

Adolf Hitler hat in seinen Reden und in Mein Kampf ebenfalls die Vorsilbe gut als abwertend verwendet. So sind für ihn gutmeinende und gutmütige Menschen diejenigen, die den Feinden des deutschen Volkes in die Hände spielen.

Freilich hat sich der Begriff längst dieses Umkreises enthoben und hat spätestens in den 90ern Einzug in den politischen Alltag gehalten. Diese Entwicklung ist jedoch keineswegs zu begrüßen, der politische Kampfbegriff, den “Gutmensch” darstellt, zielt auf eine Degradierung des Gegenübers, nicht des Arguments, ab – er wird also (naiv) moralisierend oder aber nur vorgeblich moralisierend dargestellt.

Festzuhalten bleibt, dass der Begriff “Gutmensch” für einen emanzipatorischen Sprachgebrauch aufgrund seiner problematischen Genese und seines persönlichen und nicht argumentativen Charakters nur selten und reflektiert in Frage kommen sollte.

Zur Vertiefung dazu aus österreichischer Sicht: Katrin Auer: “Political Correctness” – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten [pdf]

 

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Für eine Beibehaltung des Tanzverbots hatten sich unter anderem die Kirchen ausgesprochen. Der Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Roger Töpelmann, argumentierte, der Karfreitag mache auf Leiden in der Welt, wie in Fukushima und Libyen, aufmerksam. Dieser Gedanke vertrage sich nicht mit Ansichten, die “jedem Bürger zu jeder Zeit freie Selbstverwirklichung zubilligen”. Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen hatte es selbstverständlich genannt “dass die Ruhe an Karfreitag, einem der höchsten Feiertage der Christen, eingehalten wird”.

Ich habe das dumpfe Gefühl, die Leiden der Welt machen auf sich selbst aufmerksam. Jedenfalls Fukushima und Libyen. Der Rest geht eh unter. Worauf die Kirchen doch aufmerksam machen wollen: das Leiden ihres spirituellen Führers. Und das interessiert, mit Verlaub, doch niemanden mehr großartig. Was also die Kirche für selbstverständlich findet, kann mich mal kreuzweise – gerade wenn sie es mir mit staatlichen Verboten aufzwängen will. Die Verankerung vom Christentum in unserem ach so säkularen System ist doch echt zum Kotzen.

Musik angeworfen, die Fenster der Erdgeschosswohnung auf und vierzehn Stunden Karfreitags-Protest-Chillen mit der Couch auf dem Gehweg. Das ist Protest. un muss man auch fairerweise zugeben: in Berlin interessiert sich nicht mal die Staatsmacht für Feierverbote. Sonst würde hier auch die gesamte Wirtschaft zusammenbrechen. Hier wird einem auch erst am Donnerstag-Abend klar, dass es sowas wie Karfreitag gibt und deshalb die Supermärkte zu haben. Na toll, ein Hoch auf den Burger-Dream-Lieferdienst. Völlerei und Tanzen gegen Papst, Kirchen und Verbote.

[Artikel auf Spiegel Online | Bild via strassenstriche unter CC BY-NC]

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veganz - Kopie Neueröffnungen und Ladenwerbung laufen heutzutage auch viel auf Facebook ab. Da wird, gerade bei zielgruppenspezifischen Läden, die Kundenbasis angesprochen, “Fans” gesammelt und über die Fortschritte und Neuigkeiten im eigenen kleinen Paradies informiert. Und oft wird der Account auch für interessante Links und Artikel genutzt, auf die hingewiesen wird. Das macht die Sache menschlich, der Laden bekommt Profil und wird greifbar.

In manchen Fällen ist das aber ziemlicher Dreck, der da gepostet wird und die Betreiber outen, wer Vater ihrer Gedanken war. Im Falle von Veganz, einem neuen Laden für vegane Produkte in Berlin, wurde ein Link zu “Zeitgeist” gepostet. Das ist eine selbsternannte, inzwischen dreiteilige, Doku, die sich mit der Erklärung der Welt und dem Zusammenmixen von Verschwörungstheorien beschäftigt. Netz gegen Nazis schreibt dazu:

Das Zeitgeist-Movement ist auf einen Film namens “Zeitgeist” zurückzuführen. Neben Religionskritik findet sich Kapitalismuskritik, es werden Verbindungen zwischen dem Finanzsektor und der Rüstungsindustrie nachgezeichnet (also der militärisch-industrielle Komplex) und 9/11 wird ebenso in diesem Zusammenhang betrachtet. In diesem Film werden alle wichtigen Verschwörungsthemen behandelt und zu einem großen Konglomerat zusammengeworfen, dabei gibt sich der Film selbst den Anstrich eines Dokumentarfilms. Dabei transportiert der Film antisemitisches Gedankengut, ohne jedoch explizit die Juden als Quelle des Übels zu nennen. Chiffre für die Juden ist hier das internationale Finanzwesen. Der Jude als Sinnbild für das raffende, also böse, Kapital ist ein antisemitisches Klischee, das schon seit dem Mittelalter existiert und im Nationalsozialismus bedient und ausgeschlachtet wurde. Diese Analogie muss der Zuschauer allerdings selber herleiten, aber der Begriff vom “internationalen Finanzjudentum” ist vermutlich eines der am stärksten verbreiteten antisemitischen Klischees.

Natürlich habe ich die Betreiber sogleich darauf hingewiesen, was sie da eigentlich ins Netz pusten und wofür sie eine Plattform vor ihren über 1300 Fans bieten. Die Reaktion war, typisch, abwiegelnd und relativierend.

Mit diesem Link teilen wir ein aus unserer Sicht interessantes und aktuelles Thema, keine Weltanschauung oder politische Meinung. Genau wie bei der Entscheidung, sich vegan zu ernähren, sollte jeder für sich selbst entscheiden, wie er die hier aufgeworfenen Themen bewertet und für sein Handeln und Tun berücksichtigt.

So richtig kapieren tun sie es nicht, es geht hier nicht um eine persönliche Wertung, sondern darum, dass sie für antisemitischen Dreck eine Plattform bieten. Die Bewertung, die sie ausliefern, ist strukturell antisemitisch und sie ist politisch, da können sie noch sehr relativieren.

Damit hat sich der Plan, sich diesen Laden anzuschauen, erstmal erledigt. Bei solchen Aktionen, die im Namen des Ladens getätigt werden, würde mir aller Hunger und alles Interesse beim Betreten vergehen und wer weiß, wen ich dann mit dem dagelassenen Geld so alles unterstütze. Jeder Mensch mit politischem Bewusstsein sollte sich seine veganen Sachen woanders besorgen.

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Der sehr lesenswerte Kommentar mit dem grandiosen Titel “Unfollow the Police!” von Julia Seeliger behandelt die Vorstellung von der Besserung der Welt durch die Offenheit aller Daten, eine Quasi-Bewegung, die unter dem Begriff PostPrivacy zusammengefasst wird. Gibt da so einige Leute, die in die Richtung argumentiert haben. Am bekanntesten wohl Julian Assange, der ansonsten ja recht fit ist, aber auf diesem Gebiet – gerade dann auch in Rückschluss auf seinen persönlichen Datenschutz – immer etwas schwächelte. Oder, fast naturgemäß, der gute alte Zuckerberg.

Gute Argumentation aus dem Kommentar von Julia auf diese Ideen:

Den Kapitalismus kann man nicht unfollowen. Man muss ihn überwinden oder regulieren – aber mit Laissez-Faire wird man ihm nicht beikommen können.

Nicht erst seit gestern werden Menschen finanziell diskriminiert, nur weil sie in der falschen Straße wohnen – Stichwort Scoring. Unschwer vorstellbar, dass private Krankenversicherungen gerne auf öffentliche Krankendaten zurückgreifen würden. Aus Post Privacy folgt: Der Kapitalismus entert weitere Bereiche des Lebens, nämlich im vormals Privaten. 

 

Und ich will in die Debatte noch eine ganz alte Meinung reinschmeißen, fast 20 Jahre jetzt alt, und die behandelt vor allem den Unterschied zwischen Privatsphäre [die höchstpersönlich ist] und Geheimhaltung – das Cypherpunk Manifest:

Privacy is necessary for an open society in the electronic age. Privacy is not secrecy. A private matter is something one doesn’t want the whole world to know, but a secret matter is something one doesn’t want anybody to know. Privacy is the power to selectively reveal oneself to the world.

[….]

We cannot expect governments, corporations, or other large, faceless organizations to grant us privacy out of their beneficence.

[…]

We must defend our own privacy if we expect to have any.

Sehr lohnenswert, das ganze Manifest zu lesen, ich hab jetzt nur die plakativen Teile zitiert. Und auf jeden Fall sehr lohnenswert, sich weiterhin um grundlegende Dinge der Debatte einen Kopf zu machen. Zum Beispiel die Frage nach guter und schlechter Geheimhaltung: hätte es WikiLeaks in den 40ern gegeben und wären die D-Day-Pläne geleakt worden – wie sähe die Welt heute aus? Die Frage kommt übrigens aus dem sehr sehenswerten Interview von Al-Jazeera mit Julian Assange.

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Auf den Blogs, auf denen ich schreibe, habe ich mich aus der #guttbye Debatte größtenteils rausgehalten, sieht man mal von humoristischen Einwürfen. Letztendlich ist die Diskussion um das Fälschen einer Doktorarbeit eine größtenteils bürgerliche, das Bildungsbürgertum sieht sich hier in den Grundfesten seines Selbstverständnisses angegriffen und sieht das eigene Wertesystem davonschwimmen, deswegen diese knallharte Gegenwehr. Als Beteiligter des Wissenschaftssystems kann ich das auch in weiten Teilen nachvollziehen, aber ich hab ein viel grundsätzlicheres Problem mit dem Posten des KriegsVerteidigungsministers, insofern kann mir total egal sein, welche Marionette diesen Posten ausfüllt.

Interessant jedoch ist, inwieweit die sozialen Schichten abseits des Bildungsbürgertums sich zu der Problematik verhalten. Symptomatisch dazu folgendes Interview von Radio Fritz:

 

Was kann man dazu noch groß sagen? Schön die Erkenntnis, wie nahe Außen- und Verteidigungsminister in der öffentlichen Wahrnehmung liegen. Auch bemerkenswert erscheint mir das Unrechtsbewusstsein der Dame, die zwar wenig argumentativ, dafür umso energischer den Gefühlen der Ungerechtigkeit freien Lauf lässt. Letztendlich ist sie der Argumentation des Moderators wohl zu recht nicht im geringsten gewachsen, aber diese Mischung aus Trotz und Verletzung, mit dem immer wiederkehrenden “was für ein schöner Mann” und “ihr Männer, ihr seid neidisch” als Krönung lassen sich am Ende doch recht gut als Bestandsaufnahme sehen.

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Ich hab’ gehört, da wäre in der Bundesregierung ein Job frei? Wer sollte dafür besser geeignet sein als ich: weder habe ich einen Doktortitel, noch habe ich Ahnung. Perfekt also für eine CDU-dominierte Regierung!

Sehr geehrte Frau Merkel,

durch die omnipräsente mediale Aufarbeitung des Rücktritts Ihres Verteidigungsministers ist es mir ein wichtiges Anliegen, Ihnen in dieser schweren Stunde den Rücken zu stärken. Lange Stunden haben Sie geglaubt, wenn Sie die Monster unter dem Bett nicht sehen, dann sehen die Monster Sie auch nicht. Augen zu und durch war einmal mehr Ihr Motto.

Da dies anscheinend nichts geholfen hat, müssen Sie sich nun Gedanken um den Ersatz Ihres adligen Schützlings machen. An dieser Stelle möchte ich meine Person ins Spiel bringen: natürlich bin ich mir drüber bewusst, dass seit der Rettung der systemrelevanten Geldinstitute das Geld knapp ist. Und wenn eine Erhöhung des ALG II Satzes um 8€/Monat für eine Verfassungsmäßigkeit reichen muss, dann scheinen wir ja wirklich vor Problemen zu stehen. Insofern würde ich das Amt des Verteidigungsministers mit ständigem Blick auf den Bundeshaushalt führen – und konsequent den Reformkurs meines zukünftigen Vorgängers umsetzen, ja sogar nicht erweitern. Mit der kompletten Abschaffung der Bundeswehr hätten wir nicht nur massive Einsparungen im Bundeshaushalt, sondern auch noch weniger Ausgaben, um Menschenrechtsverletzungen und Kriegsschäden im zivilen Bereich PR-mäßig gut darzustellen. Und einen Geheimdienst im Land weniger, der die Leute belästigt. Und auf Dauer, ich sehe mich da ja durchaus in einer Märtyrerrolle, einen überbezahlten Ministerposten weniger. Letztendlich liegt mir ja auch etwas an den SoldatInnen – ihre gesundheitliche Verfassung wird sich massiv verbessern: wer nicht in Kriegsgebieten mit den Leichen der von den Kameraden über den Haufen geschossenen Zivilbevölkerung konfrontiert wird, dem fällt die persönliche Lebensgestaltung gewiss leichter.

Liebste Angela, wir wissen doch beide, dass ich der beste Typ für diesen Job bin. Das man auch dem Inhalt des Amtes grundsätzlich entgegenstehen kann und es trotzdem führen, das beweist ja schon der Dirk in deinem Kabinett. Und solange die Auflösung der Bundeswehr und des Ministeriums dauert, fang ich auch meine Promotion nicht an. Versprochen!

Dein Hans

ToKill2-stillarbeit.de

In der Jungle World ist gerade ein Artikel erschienen, der sich so richtig über die frechen Säcke auskotzt, die es wagen, keine Drogen zu nehmen. So Leute wie ich. Ich vermeide es seit meiner Pubertät Alkohol zu trinken oder Sachen, die auch im bürgerlichen Kontext unter den Drogenbegriff fallen, zu konsumieren. Keine Erfahrungen mit Gras, Koks oder Bier – dafür habe ich einen exzessiven Club Mate- und Afri-Cola-Konsum.

Wenn mich Leute danach fragen, warum ich das tue, sage ich meistens: ich hab kein Bedürfnis dazu. Es reizt mich nicht. Aber ich bin auch kein Dogmatiker: wenn ich irgendwann Lust darauf verspüren sollte, dann werde ich auch einen Drink trinken oder einen Joint rauchen. Warum auch nicht? Meine Begründung ist nicht dogmatisch, nicht politisch. Ich bin kein Straight-Edgler, für den “ein richtiger Mann” nur jemand ist, der kein Bier trinkt. Abgesehen von dem verqueren Sexismus kann jeder im Konsum tun und lassen was er will. Natürlich mach ich mir Sorgen um Freunde, die auf einmal abstürzen. Aber ob die nun von Drogengebrauch oder von psychischen Alltagsproblemen des Beziehungslebens abstürzen ist mir gleich.

Die Argumente, die Engelhardt in Abgrenzung zu bewusster Abstinenz bringt, sind schwach.

Die Basis einer solchen Entscheidung sollte aber schon die sein, dass man sich diesen Erfahrungen nicht von vorneherein verschlossen hat. Auf welcher Basis sollte eine solche Entscheidung sonst gefällt werden?

Ganz einfach: auf der Basis der Erfahrungen anderer. Ich kann mir durch Erlebnisberichte, durch Bücher und durch Filme eine ganze Palette unterschiedlicher Interpretationen von Drogenerfahrungen reinziehen. Das meine vielleicht ein Stück anders ausfällt, ist da irrelevant. Ein bestimmter Kernbereich bleibt gleich und dieser Kernbereich der geteilten Erfahrungen reizt mich nicht genug, um das Bedürfnis zu verspüren selbst eine solche Erfahrung in meiner individuellen Ausprägung zu haben. Ähnlich ist es bei mir mit Motorradfahren. Einige Leute in meiner Umgebung fahren die Dinger und erzählen mir, wie sie das empfinden. Ich kenn auch die mediale Rezeption. Aber bisher hat’s bei mir nicht gereicht, um ein gesteigertes Interesse hervorzurufen. Vielleicht werde ich irgendwann Lust darauf bekommen. Dann mach ich das sicher auch. Bei Drogen ist es ähnlich.

Im politischen Bereich ist das für mich differenzierter. Feiern, Solipartys, kein Thema. Aber wenn’s um Aktionen geht: klaren Kopf behalten. Auf einer Demonstration hat Alkohol nichts zu suchen. Solche Situationen sind immer repressionsgefährdet und ein klarer Kopf schützt einen selber vor unbedachten Handlungen und andere vor ihren Auswirkungen. Was der Autor im Artikel ansonsten beschreibt, ist eine Überzeichnung der Zustände. Natürlich gibt es Leute, die Drogenverzicht zur einzigen Lebensanleitung erklären. Die anderen das vorschreiben wollen. Das ist ohne Frage uncool und kein bisschen emanzipatorisch. Man kann gute  Gründe haben, warum man das tut, vielleicht kann man damit Menschen überzeugen. Man kann aber auch keine Gründe haben, oder sie nicht mitteilen wollen.

Immer Herr seiner selbst zu sein, rauchfrei, nüchtern und zurechnungsfähig, das ist die gesellschaftliche Erwartung, der man gerecht werden soll, auch wenn die Doppelmoral dieser Erwartung offensichtlich ist.

Mir kann doch egal sein, was die gesellschaftliche Erwartung ist. Man wird nicht umhinkommen, bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Bildung ist auch eine gesellschaftliche Erwartung – und trotzdem halte ich es für sehr sinnvoll sich umfassend zu bilden, gerade im politischen Kontext. Diese “Anti-aus-Prinzip”-Haltung ist irgendein unpolitischer Mist, den der Autor da reproduziert und damit seinen eigenen Argumenten zuwiderläuft.

Darum ist es auch ganz angenehm, einen Gegenartikel im selben Medium zu lesen.

Wer gerne Fasching im eigenen Kopf feiern oder mal Urlaub von sich selbst machen will, dem wünsche ich viel Spaß. Die Entscheidung, einen drogenfreien Lebensstil zu führen, ist, anders als beim Veganismus […], eine Geschmacksfrage und keine politische Entscheidung. Der individuelle Konsum oder Verzicht ist weder subversiv noch reaktionär, nur Begründungen für die jeweilige Entscheidung können es sein.

[Bildquelle: stillabreit | Lizenz:  CC BY-SA 2.0]

 

Da fasst man sich wieder an den Kopf – es hat den Anschein, als ob sich die Modegeschäfte im hippen Berlin-Mitte die Relevanz in der Militanz der autonomen Szene neiden. “Der hat was abbekommen und war in den Medien und mein Geschäft nicht – das ist doch unfair.” Sind das die Gedanken, die die Inhaber gerade umtreiben?

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Nachdem es zur großen Entglasung des Flagship-Store-Gebiets in Mitte gekommen ist, legt man jetzt also selbst Hand an und feiert die gesplitterte Scheibe als It-Zustand des Jahres 2011.

Mal ernsthaft: was steht da für eine Arroganz hinter? Die meisten dieser Hipster-Ladenbetreiber wissen genau, welche Wirkung ihre Läden und ihre Lebensstile auf die Innenstadt haben – die meisten lesen taz oder tagesspiegel, das Wort Gentrification ist ihnen kein Fremdwort und ihr Bildungsstandard ist so hoch, dass sie die abstrakte Problematik begreifen können und auf sich selbst übertragen können. Sie wissen, dass sie für die Vertreibung von Menschen aus den Innenstadtbezirken zuständig sind, sie wissen, dass sie Leben damit schwerer machen oder zerstören. Vielleicht schaffen die meisten es, den Gedanken daran zu verdrängen (haha, Kalauer), weil solche Prozesse still und heimlich im Privaten ablaufen und die Außenwelt erst nach Jahren die strukturellen Veränderungen mitbekommt. Aber so eine “Kunstaktion” zeigt doch, dass man sich mit der Thematik auseinandergesetzt hat – und rotzfrech auch noch mit dem nackten Arsch wedelt.

[via Gentrification Blog]

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Also es gab ja mal eine Zeit, in der sich Gulli.com als linksgerichtete Plattform zu erkennen gab – mit den Besitzern scheint auch die politische Ausrichtung sich verändert zu haben, denn den Rassisten und Neonazis von den Hells Angels Hilfestellung in Security-Arbeit zu geben, wenn auch nur indirekt, ist echt lame.

Und wenn unnex schreibt: „Die Hells Angels haben mir nichts getan. Das sind auch keine Typen des Internets. Das sind nun mal Rocker und keine Hacker dann kann ich nur den Kopf schütteln. Die Hells Angels sind vielleicht keine Hacker, aber mitnichten sind sie nur Rocker. Mehr Aufschluss gibt der Artikel auf Netz gegen Nazis.

Bleibt also nur noch zu trauern, dass korrupt & Co das Schiff verlassen haben und die aktuelle Crew es mehr oder minder vor den Bug fährt. Die Berichterstattung wird deutlich unkritischer, verpasst immer wieder den politischen Kontext und hat kaum mehr einen eigenen, durchgängigen Charakter. Die Hells Angels Geschichte setzt dem Ganzen nur die Krone auf.

 

In Berlin ist mal wieder irgendwo was durchgeknallt. Ein besetztes Projekt in der Brunnenstraße wurde geräumt, Demonstrationen von der Polizei gejagt und umstellt und aus der Luft war der Polizeihubschrauber zu hören, der wie bei einem Bankraub allen Kleingruppenbewegungen auflauerte. Berlin-Mitte war heute also anstrengend.

Und dann kommt man nachhause, muss sich um seine vielen Projektchen kümmern, und jetzt, kurz vor halb elf, kann ich das erste Mal wieder meine Gedanken in den PC hacken. Nur – mein Kopf ist leer. Zuviel erlebt sozusagen. Und was bleibt dann, außer James Brown? Zurückziehen, in den Sessel, mit der Wahl aus einer Einführung in Marx und Obamas Werk. Vielleicht noch baden. War ja auch anstrengend, dieser Straßenkampftag.

 
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