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Nachdem der Chaos Communication Congress schon in den letzten Jahren immer wieder in feministischer und anti-sexistischer Kritik stand, entzündet sich am 30C3 der Konflikt schon durch die Auswahl von Julian Assange als Speaker im Vorfeld. Zusammen mit Jacob Applebaum wird Julian Assange über eine Liveschaltung auf dem Kongress einen Vortrag halten. Einen unter vielen, als ein Vortragender unter vielen. Mit exponierterer, aber nicht zentraler Position. Die Debatte darum, ob man mit Assange einem Vergewaltiger die Bühne geben dürfe, wird dabei in aller Härte und mit festgefahrenen Fronten geführt. Dabei wurde eine feministische Perspektive schon ausreichend, zum Teil unter expliziter Aufarbeitung der Vergewaltigungshandlungen durch Assange, erläutert. Assange als Speaker auf die Bühne zu schalten ist ein Affront gegen feministische und kritische Teilnehmer_innen, es ist eine klare Positionierung in dem Diskurs um sexistische Hegemonie auf dem Kongress (nämlich eine, die diese Hegemonie stützt) und damit ist der Vortragende unter den Vortragenden ein Politikum.

Schon unter diesen Gesichtspunkten ist klar, wie tief und erbittert der Diskurs geführt wird – und wie weit er symbolhaft für eine Fragmentierung und Ausdifferenzierung einer Hacker_innen-Bewegung mit emanzipatorischem Anspruch ist. Gleichzeitig kratzt es nur an der Oberfläche eines viel tiefgreifenderen Diskurses, der aber aufzeigt, dass die Speakerposition von Assange nur logische Folge einer Bewegungsausrichtung ist, die bisher weitestgehend kritiklos im Raum stand.

Cui Bono?

Die Kritik an Assange lässt in meinen Augen aber auch eine wichtige, sehr grundsätzlich Frage vermissen: cui bono? Auffällig ist nämlich, dass Assange nicht eine spannenden Vortrag über „The Rise And Fall Of Wikileaks“ hält, oder ähnlich szeneimmanente bedeutende Vorträge. Sein Vortrag heißt schlicht: „Sysadmins of the world, unite!„, die Ankünding verliert sich in Allgemeinplätzen wie „We must realize the power and responsibility we hold for the great structural problems of our time.“ – ahja. Und das ist ein Punkt, der besonders schmerzt. In der Abwägung zwischen „Assanges Auftritt verletzt Menschen und führt dazu, dass sie nicht am Kongress teilnehmen“ und „Da ist eine große öffentliche Bedeutung in seinem Vortrag“ scheint man nach sehr seltsamen Kriterien vorzugehen, weil das Vortragsthema ein beliebiges und zahnloses ist.

Die Bühne, die man Assange gegeben hat, leidet enorm unter der Belanglosigkeit der lecture. Wo viele Menschen sicher weniger Bauchschmerzen haben würden, wäre eine kritische Auseinandersetzung damit, was Wikileaks und der kleine, elitäre Kreis darum eigentlich ist, und mit welcher Legitimation und Unterstützung sie so handeln, wie sie es tun. Die Frage danach, warum die USA als Primärziel im Raum stehen, der globale Norden als Sekundärziel und autoritäre Regierungen als Verbündete von Wikileaks gefeiert werden? Warum man Verschwörungstheoretiker_innen diese Macht gibt? Ein Podium darüber, welche grundsätzliche Bedeutung Wikileaks hatte, und gleichzeitig, wo sie grundsätzlich gescheitert sind. Ein Podium darüber, warum die Organisationsstruktur sich für die politische Rechtfertigung von Assange, sich den Vergewaltigungsvorwürfen zu entziehen, benutzen lässt, und Kritiker_innen oder als „Verräter_innen“ abgestempelte Menschen öffentlich (über Twitter & Co.) angreift. Warum Wikileaks, statt an der globalen politischen Bedeutung zu wachsen, eine starke und selbstbewusste Hacker_innen-Bewegung auf lange Zeit nachhaltig beschädigt hat. Hätte sich Assange so einem Podium stellen müssen, wäre die Bereitschaft sicherlich größer gewesen, ihm diesen hinterfragenden Platz einzuräumen.

Was aber bei vielen die bohrende Frage ist: warum gibt man dem Vergewaltiger Assange ein Podium – und dann noch für belanglosen Nonsens? Durch diese krampfhafte Banalität wird der Eindruck erweckt, Assange wäre ein normaler Teil einer Community, die mit sich selbst im Reinen ist. Die forcierte subkulturelle, aber nichtsdestotrotz gesellschaftlich relevante Rehabilitation ist ein Ausdruck der „Rape Culture“. Die Bestätigung des eingereichten Vortrages scheint eine in Kauf genommenen Eskalation zu sein, die im Vorfeld auch schon die Spreu vom Weizen trennt: wer wegen Assange keinen Bock mehr auf den Kongress hat, wird auch nicht da sein, um das allgemeine antifeministische und antiemanzipatorische Grundrauschen zu kritisieren. Die Normalisierung und Normierung des Kongresses über einen Proxykonflikt. Darauf einzusteigen ist verständlich, muss aber differenziert reflektiert werden: möchte man noch Richtungsänderungen erreichen oder nur die Beans skandalisieren? Darum sollte auch in einer feministisch-solidarischen Strömung thematisiert werden, warum hier gerade nur Assange Thema ist, oder ob man die Kritik nicht breiter fassen sollte.

Hero Culture

Die öffentliche Reaktion des CCC-Spitzenpersonal ist Abschottung. Anstatt sich dem Diskurs zu stellen, wird Assange banal als „hero“ verklärt. Ein bisschen, wie man als 15-jährigens Kid sich nicht den linken „Helden“ Che Guevara durch die Debatte um seine Kriegsverbrechen, zu denen auch Vergewaltigungen gehörten, kaputt machen lassen wollte. Aus Trotz hat man das T-Shirt auch zur nächsten Demo angezogen, bevor man drüber nachgedacht hat. Aber hier sind erwachsene Leute am Werk, die gesellschaftliche Rahmenbedingungen mitbestimmen. Wenn die solche Trotzreaktionen bringen, dann ist das nicht entschuldbar, sondern einfach nur gefährlich. Einen Personenkult um Menschen zu fahren, die Vertreter_innen ihrer Strukturen im Rampenlicht waren, verschließt den Blick auf Diskursgegenstände, die wir uns dringend vornehmen müssen, nämlich eine strukturorientierte netzrevoltierende Arbeit.

Und eigentlich war der CCC da lange für mich ein Vorbild. Es gibt zwar Führungspersonal, aber die Hierarchien stellten sich nach Außen deutlich flacher als in anderen gesellschaftlichen Kontexten dar. Mit Kurz, Rieger und – als Shooting Star – Fefe gibt es zwar eine kontiniuierliche Vermittlungsschicht, aber sie werden flankiert von Expert_innen in den jeweiligen Unterthemen, denen bereitwillig auch der Platz und das Podium zum Reden gegeben wird. Und warum sollten wir Kurz und Rieger als Held_innen bezeichen? Wenn wir anfangen, uns unsere „hero“-Kultur jetzt selbst zu stricken, machen wir Identifikationspotential an Personen fest und nicht an politischen und gesellschaftlichen Ideen. Eine Bewegung, die sich auf Ideal-Identifikation anstatt auf identitärem Gestus beruft, ist eine nachhaltigere, weil mit den personellen Brüchen nicht gleich der gesellschaftliche Drive verlorengeht – und man sich nebenbei nicht in der Zwickmühle befindet, einen Vergewaltiger für seine gesellschaftliche Leistung zu loben.

Aber dann bleibt noch die Frage, warum eine Organisation einer emanzipatorischen und gesellschaftskritischen Veranstaltung überhaupt jemanden wie Assange die Bühne gibt. Die Antwort ist einfach: der 30C3 ist keine emanzipatorische Veranstaltung, genauso wie die geselllschaftskritische Komponente eine staatstragende, reformistische ist. Der ehrwürdige Chor, der „Zensur! Meinungsfreiheit! Rechtsstaat!“ singt, hat da seine Jahreshauptversammlung. Assange ist die Garantie dafür, dass der Kongress in den Medien landet und einen gesamtgesellschaftlich bekannten Namen präsentieren kann. Er ist nur die logische Konsequenz dessen, was der Chaos Computer Club seit Jahren als Strategie verfolgt.

Säulen des gesellschaftlichen Einflusses

Wenn man sich die strategische Positionierung des CCC anschaut, dann sieht man eine Strategie des „Maximal Impact“ auf drei Säulen. Die erste Säule ist: das Bundesverfassungsgericht. Unter dem höchsten juristischen Korrektiv geht nichts mehr. Um abseits vom Parlamentarismus einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Einfluss zu haben, sucht man den Schulterschluss mit der Judikative, und gibt sich bereitwillig als Sachverständige her. Anders als in den Anhörungen des Bundestages erlangt der Club hier auch seine Bestätigung und stilisiert in Folge aus Dankbarkeit dafür, dass ihnen mal jemand zuhört, das Bundesverfassungsgericht als das letzte demokratische Bollwerk der Bundesrepublik hoch. Für das demokratische Verständnis, dass durch den Club an die Fanbase vermittelt wird, übrigens ein totales Problem, ist es doch ein Schulterschluss zwischen acht juristischen Granden und der Expertise der Sachverständigen – ein Hoch auf eine technokratische Gesellschaft, ne?

Die zweite Säule ist die FAZ. Die enge Verbindung zwischen Rieger, Fefe und Schirrmacher ist offen einsehbar, die Medienarbeit und die großen Würfe fanden über diese auflagenstarke Publikation statt. Die FAZ ist ohne Zweifel das Blatt, dass von den Entscheider_innen der Nation am ehsten gelesen wird, der CCC erreicht damit die gesellschaftliche Führungsriege. Anstatt die eigene Avantgarde über die ihnen eigenen Kanäle zu bestätigen, werden die großen Skandale in das Herz der Bestie getragen. Eigentlich ein lobenswerter Gedanke, er reiht sich aber ein in eine Strategie der maximalen gesellschaftlichen Wirkung.

Die dritte Säule ist der geöffnete Kongress. Es war in den letzten Jahren absehbar, dass der Kongress keine Szene-Veranstaltung mehr ist, sondern eine breite Resonanz erfährt – sehr gut spiegelte sich das an den schnell ausgebuchten Tickets wieder. Der „Fusion“-Effekt – der Ausverkauf nach wenigen Sekunden – führte zu dem Richtungsentscheid, dem Kongress mehr Raum zu geben oder ihn zu regulieren (z.B. eine „member and a friend“-policy).  Man entschied sich durch den Umzug nach Hamburg für die Öffnung. Mehr Platz, keine Besucher_innen-Begrenzung mehr. Die ganzen Regierungsvertreter_innen, Lobbyist_innen und Konzernstrateg_innen konnten wieder rein, trugen nicht wenig zur Refinanzierung bei und transportierten die Ideen der Avantgarde in die Institutionen, in den Gesellschaft produziert wird. Maximaler und kurzfristiger gesellschaftlicher Einfluss wird auch durch den Kongress bestimmt. Und damit die dritte Säule auch ihren Status in der zunehmenden Konkurrenzssituation (re.publica? OHM? etc.) hält, braucht man halt die großen Namen. Mit Assange bestätigt man gegenüber denjeniegen, die als Vermittler_innen zwischen Avantgarde und Institutionen dienen, den Führungsanspruch als wichtigste und einflussreichste Hacker_innen-Konferenz in Deutschland und Europa.

… und nun?

Das ist die Debatte, der sich eine Hacker_innen- und Netzbewegung mit emanzipatorischem Anspruch stellen muss. Wollen wir, dass wir nur technokratische Stichwortgeber_innen im gesellschaftlichen Diskurs sind, oder sollten wir nicht lieber daran arbeiten, dass wir eine kohärente und nachhaltige gesellschaftliche Alternative unter Ausnutzung technischer Errungenschaften (und unter Kritik derselben) erschaffen? Die Politik des CCC formuliert in den allerseltensten Fällen die Kritik am bürgerlichen Staat an sich, vielmehr ist der reformistiche Charakter einer, der nachhaltig die Herrschaftsformen der bürgerlichen Gesellschaft stützt. Schon die Analysekategorie scheint überhaupt nicht präsent zu sein. Für mein Verständnis wäre es nachhaltiger, sich tatsächlich kreierend betätigen, anstatt reformistisch die bürgerliche Gesellschaft für ein angenehmeres Klima zu bearbeiten.

Was hat das noch mit Assange zu tun? Assange ist nur das Symbol, an dem diese Richtungsentscheidung der Bewegung sich messen lassen muss. Wikileaks ist das perfekte Beispiel, wie es nicht laufen kann in einer emanzipativen Bewegung (auch, aber nicht ausschließlich, weil ein Vergewaltiger als Held mit dunklen Seiten gefeiert wird), wie sich kein gleichberechtiges Organisationsmodell mit globaler Adaptivität entwickeln lassen kann. Und Assange zeigt, dass wir uns um diesen Konflikt weitgehend drücken und einer Strömung in der Bewegung die Deutungshoheit darüber überlassen, was dem Weg zum gesellschaftlichen Einfluss nützt und was nur davon ablenken würde. Wir sind hier in einer – nicht ausgesprochenen – Debatte um den Haupt- und Nebenkonflikt.

Der erste Schritt – und hier ist noch Zeit zum Korrektiv  – muss sein, sich dieser Debatte zu stellen. Konkret an Wikileaks, Konkret an der Richtungsentscheidung des CCC und abstrakt an der Vorstellung, was wir als Bewegung und als Aktivist_innen eigentlich wollen. Dieser erste Schritt eröffnet den Diskurs und schafft den Raum. Und diesen Raum, den müssen wir uns nehmen.

 

29 Responses to #30C3: Der Chaos Computer Club zwischen Rape Culture, Hero Culture und Staatsräson

  1. jürgen sagt:

    An sich ja ein ganz guter Text, allerdings einige Schwachpunkte. Von den Gender-Gaps, welche einen Text an sich ja schon einmal in eine Ecke rücken abgesehen werden viele Punkte nur schwach beleuchtet.
    Ich denke zum Beispiel der Titel des Vortrags ist doch ziemlich klar.
    Snowden war Sysadmin, Snowden war mutig, wir brauchen mehr so Leute. Und Assange wird kaum sein genaues Thema preisgeben, damit er dann schon langfristig vorher am Vortrag gehindert werden kann. Wäre er ja schön blöd.
    Was die Motivation von Wikileaks angeht insbesondere Assage ist es auch ziemlich klar: Er ist Anarchist. Er handelt politisch, aber nicht zielstrebig. Er bewirkt etwas ohne viel zu wollen. Er veröffentlicht den Scheiss halt, weil er es für richtig hält und sieht dann der Welt beim brennen zu.
    Es hat zu gutem geführt, es hat zu schlechtem geführt (man lese die verlinkten Artikel), auf jeden Fall hat es etwas ausgelöst.

  2. Michael Seepferd sagt:

    Du sprichst einige wichtige Punkte an. Nur wo nehmen „wir“ uns den Raum zum Diskurs? Doch nicht etwa in einem von der NSA oder kapitalistischen Interessen verwalteten digitalem Raum?

  3. hibo1256 sagt:

    Ich würde sicherheitshalber empfehlen, im Text das Wort „Vergewaltiger“ mit dem Zusatz „mutmaßlicher“ zu versehen, da es noch keine Verurteilung in dieser Angelegenheit gibt.

    • Hans sagt:

      Ich freu mich auf Julians Klage.

      • Skythe sagt:

        Super BILD-Niveau, Hans!

        Dabei klag es am Anfang noch, als wolltest du endlich Ruhe und Besonnenheit in die Sache bringen. Chance mutwillig vertan.

        • Hans sagt:

          Was ist an der Ablehnung von legalistischen Argumentationen nochmal genau das BILD-Niveau?

          Wir können das auch anders aufziehen: Ich kann straffrei ohne den „mutmaßlichen“ argumentieren, weil Assange straffrei in einer Botschaft sich dem Verfahren entzieht. Aber das ist doch alles Nebenschauplatz.

  4. ach sagt:

    „Die Politik des CCC formuliert in den allerseltensten Fällen die Kritik am bürgerlichen Staat an sich, vielmehr ist der reformistiche Charakter einer, der nachhaltig die Herrschaftsformen der bürgerlichen Gesellschaft stützt.“
    .
    Ist irgendwo der Anspruch formuliert, dass der CCC in der Gesellschaft einen revolutionären Umsturz will? Ich glaube nicht. Es ging auch nie darum. Viele Organisationen wollen die Welt besser machen, ohne gleich die komplette gesellschaftliche Grundlage umzustürzen. Woher kommt diese Idee, der CCC wolle dies?
    .
    Damit Menschen in bestimmten Strukturen die Welt und ihre Sicht auf diese besser machen können, muss man aber auch erst mal die Chance geben. Die aktuelle (und nicht zuletzt letztjährige) „Diskussionskultur“ auf beiden Seiten erzeugt viel. Aber bestimmt kein Verständnis und Umdenken.
    .
    Die Erwartung, das Gegenüber hat exakt die selben Infos und sich sonst sich „nur“ mit dieser Thematik befasst, ist schon verrückt. Das dann auch noch erwartet wird, die Veranstalter schwenken 100% um, weil eine Anzahl an Leuten auf Plattform X+Y schimpfen… Naiv? Diskussionskultur? Welche Möglichkeit haben die Veranstalter, Gesicht wahrend eine Lösung zu finden? Einen Kompromiss vielleicht, weil es mehr als Schwarz und Weiß gibt?
    .
    Jetzt hauen sich beide Seiten die Köpfe ein. Super! Effekt: Null.

  5. x sagt:

    Ich kann dir an der Stelle nicht wirklich zustimmen:

    1) Assange ist bislang nicht rechtskräftig verurteilt und die Vorwürfe sind zu komplex und undurchsichtig, um ihn einfach als Vergewaltiger zu bezeichnen.

    2) Ich sehe momentan auch nicht, dass Assanges Lecture völlig belanglos sein soll. Wenn man sich mal die Beschreibung anschaut, findet man etwa folgende Passage:
    „In the second half of this talk we will discuss the HOW?: the medium term and long term modes of action around which we must organize, if we are to see meaningful resistance against the global counterintelligence state, and meaningful progress towards emancipation. “
    Ob das jetzt beliebig und zahnlos ist, wird man erst nach der Lecture wissen.

    3) Ich weiß auch nicht, ob „Verschwörungstheoretiker“ für die Wikileaks-Leute der richtige Begriff ist. So blöd das klingt – spätestens Snowden hat gezeigt, dass sie mit ihrer Paranoia mehr als Recht hatten.

  6. Es ist kein Geheimnis, dass CCC und FAZ zuweilen eng zusammenarbeiten. Man kann natürlich immer so tun, als hätte man was aufgedeckt. Bei sowas war Wikileaks allerdings ungleich erfolgreicher.

    • Hans sagt:

      Ich verstehe nicht so ganz, woher du die Annahme nimmst, ich würde so tun, als hätte ich etwas aufgedeckt. Ich analysiere den für öffentlich wahrnehmbaren Diskurs, und die Analyse – gegen die man ja durchaus argumentieren kann – ist dann halt das Alleinstellungsmerkmal des Artikels. Auf den „Erfolg“ von Wikileaks kann ich gerne verzichten.

      • Hm, Diskurs ist ja immer so ein großes Wort. Würde das eher Debatte nennen. Warum du der Ansicht bist, dass eine solche nicht morgens um vier möglich ist, kannst du mir ja mal beim Bier erklären.

        Würde mich auch interessieren, warum du als Jurist der Ansicht bist, dass ein mutmaßlicher Vergewaltiger Vergewaltiger genannt werden soll. Ich finde, es ist vielfach ein Grundproblem von feministischer Argumentation, dass man Trennschärfe vermissen lässt. Es ist eben nicht richtig, dass sexuelle Handlungen an einer Schlafenden immer eine Vergewaltigung ist. Feministische Argumentation krankt oft daran, dass sie zu schnell aufs „große Ganze“ (Patriarchat) geht und dabei Zahlen und Fakten hintenunterfallen lässt. Dies stört mich seit Jahren, weil auf diese Weise die Kraft des „im Diskurs“ nötigen feministischen Arguments gemindert wird.

        Um es kurz zu sagen: Alice Schwarzer, sanczny, meet in Montauk: eine Soße.

        Warum sollte die re:publica eine Konkurrenz sein? Und die OHM? Verstehe ich nicht.

        Mir geht es in meiner Assange-Argumentation darum, dass ein Redeverbot nicht gerechtfertigt ist, denn für Redeverbote sollen hohe Hürden gelten. Kann natürlich sein, dass du das anders siehst, sprich, dass für dich die Gesinnung der Talkenden konsequent „emanzipatorisch-links“ sein soll. Das bedeutet dann aber im Umkehrschluss, dass man mehr Leute aufgrund ihrer Gesinnung rausschmeißen oder zumindest zensieren muss.

        • Hans sagt:

          Für mich hat sich dein erster Kommentare nicht wirklich als Debattenbeitrag dargestellt. Aus den danach angeführten Gründen. Daran wird auch kein Bier was ändern, was nicht heißt, dass ich das Angebot ausschlagen würde. 😉

          Dieses juristische Derailing ist auch so ein Fall für sich. Seine juristische Verteidigungsstrategie ist eine Einlassung zur Sache. Im Übrigen bin ich weder schwedischer Jurist, noch schreibe ich das aus juristischer Perspektive (sonst hätte ich das drüben bei ViaJura gemacht). Wir können uns jetzt eine lange Debatte über Statistiken und Gegenstatistiken, reproduzierende Machtverhältnisse und Krititsche Theorie als Grundlage für einen modernen, akademischen Feminismus liefern. Aber darauf willst du gar nicht hinaus, deswegen lenkt es nur von der Sache ab. (Lustig übrigens, dass du für mehr Differenzierung plädierst, aber dann irgendwas von „eine Soße“ schreibst)

          Dir geht es um Meinungsfreiheit. Also um Redeverbote. Also um linke Redeverbote. Jedenfalls lese ich das hier so raus. Und da kommt wieder so viel zusammen: der Kongress ist keine rechtsstaatliche Institution. Er ist eine private Veranstaltung und kann sich deswegen aussuchen, wen er wann einlädt. Und macht das defaultmäßig auch, die abgelehnten Talks sind ja kein Quatsch, sondern oft qualitativ hochwertige Sachen. Ich brauche keine zwangsläufig linke Vorauswahl. Der Kongress braucht sie sicher auch nicht, aber er hat sie sinnigerweise in vielen Elementen trotzdem. Es gibt Statuten, es gibt eine Unvereinbarkeitserklärung. Guess what, ideologische Vorauswahl. Gut so.

          Ein Großteil der Techtalks lässt sich eh nicht in die bestehenden Analysekategorien einordnen. Aber nochmal: es ist keine Überraschung, dass Assange nicht nur Begeisterungsstürme auslösen würde. Und da beginnt der Diskurs, weil die Aktzeptanz des Vortrags ein Symbolgehalt hat, und es hier um Machtstrukturen geht. Die Debatte ist dabei übrigens nur Teil des Diskurses, schon Assange das Podium zu geben ist Diskurselement, aber kein Debattenbeitrag.

          Wir können uns jetzt weiter mit leidigen Diskussionen um Zensur und die rechtsstaatliche (bürgerliche, kapitalistische, patriachale) Definition von Vergewaltigungen unterhalten. Oder wir beschäftigen uns mit dem Kram, über den ich den Hauptteil des Textes geschrieben habe: dass der CCC zur Zeit seine Rolle in der bürgerlichen Gesellschaft auf eine Weise einnimmt, die ich für die perspektive einer befreiten Gesellschaft für problematisch halte. Das der Kongress der Teil eines Marktes von Besucher_innen, Fachreferent_innen und Aufmerksamkeit ist (darauf bezogen sich die anderen Konferenz-Namen), und sich das in solchen Sachen bemerkbar zu machen scheint. Negativ.

          • Dann geh doch mal auf meine Frage zur re:publica und OHM ein. Ich hab da ne andere Meinung: Hamburg macht es möglich, dass Feuerschutz und so eingehalten werden können (das bcc war in den letzten Jahren immer zu voll).

            Zweitens habe ich was gegen Akademisierung von Feminismus, meine Kritik ist fundiert. Lies dich mal ein in meine Aktivitäten der letzten Jahre. Suchwort: Trollfeminismus.

            Was ist an der Frage nach den juristischen Hintergründen „Derailing“? Bist du noch ideologisch oder denkst du schon?

            Man kann sich ja mal Gedanken machen, ob der CCC mit dem von dir gewünschten Focus genauso erfolgreich wäre, wie er es jetzt ist. Meine Prognose wäre: Nein. Dummerweise steht die Weltrevolution aber nicht in der Hacker-Ethik. Und jetzt?

            Ach ja, deine Kritik zu sozialen Themen und dem CCC teile ich ja im Grunde.

            Man muss halt sehen, was möglich ist und was nicht.

            Es ist eine Lüge, wenn du weiterhin behauptest, dass Assange und Appelbaum „eingeladen“ wurden. Sie haben einen Talk eingereicht, die Relevanz ist unbestreitbar vorhanden – ein Nicht-Annehmen des Talks käme also sehr wohl mit einem Redeverbot gleich.

  7. simon sagt:

    @Julia

    „Sexuelle Handlung“ (schon der Begriff ist falsch, denn Sex ist niemals einseitig!) ohne Konsens ist Gewalt. Und wenn eine Person schläft, kann es keinen Konsens geben. Was zur Hölle soll es daran zu deuteln geben?

    Freut mich, dass Du offenbar bisher weder selbst sexualisierte Gewalt erfahren musstest noch für jemanden mit diesen Erfahrungen da sein. Aber bitte verharmlose diese Dinge nicht, weil Du glaubst damit einen „differenzierten“ Standpunkt in einer Debatte zu vertreten. Vom konkreten Fall Assange und den juristischen Feinheiten mal ganz abgesehen ist manchmal auch einfach mal Deine Solidarität und Empathie als Mensch gefragt. Und die hast Du gerade deutlich vermissen lassen. Alles für die Verteidigung des Helden?

    • Natürlich habe ich sexualisierte Gewalt erfahren. Das ist der Grund, warum ich mich vehement dagegen einsetze, dass diese für feministische Propaganda eingesetzt wird.

      Danke für Ihre Empathie.

      P.S. Die Frage der Definition von „Konsens“ ist die entscheidende. Gut erkannt!

  8. Hans sagt:

    Kommentar zu Julia:

    Deine Frage zu den konkurrierenden Tagungen habe ich im vorherigen Kommentar m.E. ausreichend erörtert.

    Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich mich in deine Texte einlesen will. Deine Kommentare und deine Art, die Debatte zu führen, sagen mir, dass es mich Zeit kostet, die ich anderswo produktiver investieren kann. Oder anders: fang an, spannende Topics aufzumachen und nicht nur Brotkrumen zu werfen und dann referenziere gerne. Aber ich werd jetzt nicht aus dem Blauen anfangen, mich durch deine Publikationen zu arbeiten. Warum auch?

    Ansonsten sehe ich nur Beißreflexe nach Links. Der Verweis auf eine Weltrevolution zeigt nur, wie pauschal du emanzipative Theorie siehst – und das stützt weder dein Argument noch ein wie auch immer geartetes Konzept von Kritik, das du zu haben glaubst. Wir können gerne auch darüber schreiben, ob und wie Revolutionskonzepte überkommen sind und welchen Einfluss technische Entwicklungen darauf hatten und haben – aber dann leg gerne vor, ich sehe die Diskussion hier in der Kommentarspalte darüber für wenig zielführend an. Um den Komplex abzuschließen: ja, der CCC stated nichts von der Weltrevolution, aber er bezieht sich auf emanzipierte Gesellschaftsideale in seinen Grundideen. Und diese Ideale sehe ich gerade in der Machtstrategie verloren.

    Und wenn man sehen muss, was möglich ist und was nicht: ja, muss man, aber dafür braucht es Debattenbeiträge, und den habe ich versucht zu liefern. Einfach nur hinsetzen und Leute machen lassen ist in den seltensten Fällen die Ausreizung von Möglichkeiten.

    Du gleitest immer wieder in Formdebatten ab. Legalistische Argumentationen hier, mal eine Frage zum Prozess der Talk-Annahmen da … Kann man machen, ist aber kein wirklich diskursdienlicher Ansatz.

  9. Zivilschein sagt:

    Der 30c3: Die sind Helden…

    Seiner gesellschaftlichen Verantwortung könnte der CCC sich stellen, indem er sich mit Julian Assange angesichts seines Hintergrundes in irgendeiner Art auseinandersetzt. Ihn über die Verklärung zum “Helden” unangreifbar zu machen, ist eine…

  10. hasdf sagt:

    Sehr guter Anstoss für eine Debatte – die Tragweite der Machtstrukturen war mir nicht wirklich bewusst.
    Leider sind die Leute im und um den CCC auch nur ein Querschnitt der Gesellschaft (wenn auch mit überschneidenden Interessen).

    Bitte verzeiht die provokante Formulierung, mich würde die Argumentationsweise auf diese Frage interessieren: Angenommen der Vergewaltigungsvorwurf ist wahr. Warum sollte ein Vergewaltiger nicht beim 30c3 reden dürfen?

    Meiner Meinung nach kann man in einer Beziehung durchaus Sex im Schlaf haben und es vorher im Konsens besprochen haben. Das grundsätzlich als Vergewaltigung abzustempeln finde ich falsch (Bezogen auf einige Kommentare, nicht nur auf den Artikel).

    PS: Ich fände es toll, auf lateinische Ausdrücke in Artikeln zu verzichten… Selbst wenn ich es eigentlich können sollte verstehen es die Meisten vermutlich nicht.

  11. Christoph Moder sagt:

    Mir fallen ein paar Missverständnisse bezüglich CCC auf.

    Erstens, die Begriffe „Führungspersonal“ und „Spitzenpersonal“. Es ist eher ein sehr heterogener Haufen, sehr dezentral organisiert, und auch wenn Rieger und Kurz in der Öffentlichkeit am präsentesten sind, sind sie doch auch nur Vereinsmitglieder. Die Hierarchien sind nicht nur flach, es gibt sie nicht, und entsprechend keine zentrale Strategie.

    Zweitens, Fefe sei ein „Shooting Star“. Eher ein Urgestein. Ich weiß zwar nicht, wie lange er schon dabei ist, zwanzig Jahre dürften es aber schon ungefähr sein.

    Drittens sind OHM und re.publica sicher keine Konkurrenzveranstaltungen zum CCCongress; während re.publica eine etwas andere Zielgruppe hat, ist ein Großteil der Congress-Besucher auch auf der OHM (WTH, HAL, etc.) gewesen. Und der CCC ist gerade deshalb so erfolgreich und der CCCongress vergleichsweise wichtig, weil durch die vielen Veranstaltungen die Community gut zusammengeschweißt ist, im Unterschied zu anderen Ländern.

    Viertens haben Rieger, Kurz und Fefe Artikel in der FAZ veröffentlicht, aber daraus abzuleiten, der CCC sei Bestandteil des politischen Establishments ist schon sehr weit hergeholt und realitätsfern. Hier auch das Zitat: „Die Politik des CCC formuliert in den allerseltensten Fällen die Kritik am bürgerlichen Staat an sich […]“ – es könnte kaum weiter von der Wirklichkeit entfernt sein.

    Fünftens ist es auch kein Ritterschlag, einen Vortrag auf dem CCCongress halten zu dürfen, sondern es ist wie auf einem wissenschaftlichen Kongress: Wirklich jede/r kann dort etwas vortragen, egal was für ein Schwachsinn das sein mag. Es bleibt den Zuhörern überlassen, sich eine Meinung dazu zu bilden. (Und gerade in früheren Jahren waren die Vorträge oft grottenschlecht, weniger inhaltlich, sondern vom Stil her.)

    Nichts gegen diese Diskussion über Assange an sich (wobei mir diese Schwarzweißmalerei schon sehr auf die Nerven geht), aber gegen Ende driftet dieser Text schon arg in bizarre Unterstellungen und Verschwörungstheorien ab. Wenn man schon über den CCC schreibt, sollte man wenigstens ein Minimum darüber wissen.

    • hasdf sagt:

      Ein Ritterschlag ist es natürlich nicht, aber es werden schon viele andere Talks abgelehnt. Ich glaube der Artikel wollte die kommentarlose Annahme (seitens CCC) des Vortrags von Assange und Applebaum anprangern.

    • Manuel sagt:

      Interessant finde ich ja, wie so ein eher sehr heterogener Haufen, sehr dezentral organisiert, ohne Hierarchie jedes Jahr zur selben Zeit einen der größten Technikerkongresse Deutschlands auf die Beine stellt.
      Und wer sind eigentlich diese Leute?

      • Riotbuddha sagt:

        Naja, einen Verein, der von selbst technokratische und meritokratische (http://ds.ccc.de/pdfs/ds095.pdf) Strukturen anpreist, als quasi hierarchiefrei zu stilisieren, halte ich für schwerst daneben. Kurz und Rieger sind mitnichten nur Sprachrohre, beziehungsweise entfalten allein über die Funktionen als Sprachrohre auch Macht nach innen (Verein) und außen (Offentlichkeit).

        Es mag weh tun, aber in seinem aktuellen Zustand und seiner Position im feministischen Diskurs, kann der CCC nicht zu den emanzipativen Kräften gezählt werden. Es gibt selbstverständlich viele Individuen, auf die das sehr wohl zutrifft, aber der Verein als Konstrukt sicher nicht.

        • Mia sagt:

          Piraten mit Abgeordnetenmandat können leider auch nicht zu den emanzipatorischen Kräften gezählt werden, denn ihr unterstützt mit eurer Arebit direkt diesen Staat und seine Politik. Viele Beispiele (nicht nur aus Berlin) zeigen, dass ihr bereits von der Macht korrumpiert seid und es nur noch um Postenerhalt und Selbstinszenierung geht.

          Diese Gerede hier von Emanzipation ist deshalb vorallem eins: Doppelmoral!

  12. anonym sagt:

    Noch ein Hinweis zur Klarstellung: Der CCC ist in manchen Dingen bestimmt staatsferner und emanzipatorischer als die Piratenpartei, wie der folgende Einleitungstext aus der letzten Datenschleuder zeigt.

    Auch bei anderen Gefährdern gibt es Neuigkeiten: Überraschenderweise soll der „Antiterrorkampf“ jetzt gegen rechts geführt werden. Da ist es nicht ganz ohne Ironie, wenn die Ultrarechten der Union nun die Vorratsdatenspeicherung gegen den Nazisumpf, den Verfassungsschutz, den MAD und die V-Leute fordern. Zierckes Mitarbeiter dürfen sich derweil auf Kosten der Steuerzahler die gewünschten Zahlen herbeistatistiken. Und während Ministerin Kristina Schröder noch kurz zuvor nicht nur die finanzielle Unterstützung der Projekte gegen Nazis dreist an einen Treue-Schwur mit Sippenhaft knüpfte, sondern auch vor Diffamierung und Kriminalisierung nicht zurückschreckte, weht der Wind nun hoffentlich anders. Nur am längst abgelatschten Allheilmittel, der Forderung nach mehr Datensammeln,
    ändert sich nichts.

    Also, bewege mal was bei den Piraten

  13. […] #30C3: Der Chaos Computer Club zwischen Rape Culture, Hero Culture und Staatsräson […]

  14. […] zu Assanges Auftritt auf dem 30c3 ist nun schon einige Tage her, trotzdem moechte ich den Beitrag auf Meet in Montauk auch hier verlinken. Mit am Besten gefiel mir die folgende, hier gekuerzte Charakterisierung des […]

  15. […] #30C3: Der Chaos Computer Club zwischen Rape Culture, Hero Culture und Staatsräson: Nachdem der Chaos Communication Congress schon in den letzten Jahren immer wieder in feministischer und anti-sexistischer Kritik stand, entzündet sich am 30C3 der Konflikt schon durch die Auswahl von Julian Assange als Speaker im Vorfeld. – by Hans – http://www.meetinmontauk.de/2013/12/30c3-der-chaos-computer-club-zwischen-rape-culture-hero-culture-… […]

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